Sozialistische Gruppe (SG)

Hochschulgruppe Erlangen/Nürnberg

Jeweils um 19:15 Uhr
im Kollegienhaus, Raum 1.016,
Universitätsstraße 15, 91054 Erlangen

Di, 29.4.2014
Dr. Peter Decker (Nürnberg)

Politologie
Ein Nachdenken – nicht über, sondern für den Staat

Was soll man von einem Fach halten, das von politischer Herrschaft handelt und sie auch so nennt, jedoch die Frage nach dem Warum und Wozu der bestimmten politischen Herrschaft, die es hier und heute gibt, gar nicht erst stellt? In seiner kleinsten, einführenden Abteilung erfindet es sich einfach den Menschen als wilde Bestie, die sofort über ihresgleichen herfallen würde, wenn es ihr nicht verboten wäre. Zugleich erfindet sich das Fach seine merkwürdige Bestie auch als so vernünftig, dass sie einsieht, dass ihre Natur unterdrückt werden muss, damit sie in Frieden leben kann. Die widersprüchliche Konstruktion einer Menschennatur zielt gar nicht auf eine Erklärung der bestimmten, wirklichen politischen Herrschaft, sondern rechtfertigt gleich jede Form von Herrschaft als notwendig und vernünftig angesichts der Unvernunft der Menschen.

In seiner ebenfalls kleinen, kritischen Abteilung ersetzt das Fach die fällige sachliche Frage durch das idealistische Bemühen um eine Definition guter Herrschaft. Dass die Menschen in der modernen Welt von einem Gewaltmonopol, also von monopolisierter Gewalt in Schach gehalten, zum Gehorsam gegen den Staat und zu dem vorgeschriebenen Verkehr untereinander gezwungen werden, kommt auch diesen Fachvertretern nicht merkwürdig vor. Das Faktum gilt ihnen als eine Selbstverständlichkeit: Herrschaft braucht es nun einmal – es kommt nur darauf an, dass sie gut organisiert, gut ausgeübt und für gute Ziele eingesetzt wird.

In ihrer größten, realistischen oder empirischen Abteilung wünscht die Politologie der existierenden politischen Herrschaft einfach gutes Gelingen. Statt ihr Erkenntnisobjekt zu analysieren, sorgt sie sich um dessen Erfolg: Wie steht es mit den Bedingungen der Stabilität des politischen und internationalen Systems? Was könnte sie bedrohen? Wie sind Konflikte zu managen? Wie lassen sich gegensätzliche Ansprüche der Bürger zu einem einheitlichen Staatsprogramm amalgamieren; wie die allfälligen Enttäuschungen neutralisieren; wie staatliche Kontroll- und Legitimitätsverluste vermeiden?

Einer Wissenschaft, die solchen Fragen nachgeht, fehlt das erste, was von Wissenschaft zu fordern ist: Die nötige Distanz zu dem Objekt, das sie untersucht. Sie ergreift gleich Partei für es, will Ratgeber der Politik und damit nützlich sein für die politische Herrschaft, die sie zu erklären hätte. Deshalb ist sie auch blind dafür, dass ihr Gegenstand selbst Index verkehrter und schädlicher gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dass in diesem universitären Fach nicht nur parteilich, sondern auch falsch nachgedacht wird, soll der Vortrag an einigen Beispielen politologischer Theorie und Praxis aufzeigen.

 

Do, 22.5.2014
Paul Pflüger (München)

Geschichte
Die Verwechslung von Begriff und Genese

Historiker halten bei allen Gegenständen die immer gleiche Bestimmung fest, Produkt der Geschichte zu sein. „Die Geschichtswissenschaft gründet auf der Überzeugung, dass die Gegenwart aus der Vergangenheit hervorgeht”, heißt es. Das Wesen der Dinge liegt damit in ihrem Bewirktsein durch Anderes, Früheres. Ein Historiker will „die gegenwärtige Welt als historisch gewordene erklären“. Die Kardinalfrage des Historikers lautet: Wie ist es zum Gegenstand meines Interesses gekommen? Eine geschichtliche Erklärung liegt immer in der Entstehung. Ursache ist immer der Ursprung. Geschichte ist für einen Historiker nicht das, was erklärt werden soll, sondern das, womit alles erklärt werden muss. Es geht nicht um die Erklärung geschichtlicher Phänomene, sondern um die geschichtliche Erklärung der Phänomene.

Damit ist eine entscheidende Weiche gestellt: Der Schlüssel zur historischen Erkenntnis eines Gegenstandes liegt programmatisch außerhalb des Gegenstands in dessen ‚Vorgeschichte’. Um einen Gegenstand zu erklären, wendet sich der Gedanke im Rückwärtsgang von ihm ab und vorausgehenden, oft weit zurückliegenden Geschehnissen zu. Der Gedanke entfernt sich damit von seinem Gegenstand, um sich im weiten Feld seiner Vorgeschichte nach Entstehungsbedingungen umzutun, die seine Entstehung bewirkt haben sollen. Das heißt nicht, dass über den zur Debatte stehenden Gegenstand nichts gesagt worden wäre. Mit dem Erklärungsprinzip ‚Vorgeschichte’ ist er kategorisch als Wirkung früher datierender Ereignisse identifiziert. Und die zur Erklärung herangezogenen Begebenheiten der Vorgeschichte haben auch schon ihre spezifisch historische Qualität abbekommen: Sie sind Ursache für Späteres. Jedes Phänomen wird von der Warte eines anderen aus rezipiert. Die historischen Phänomene geben sich – unter der Ägide ihres Interpreten – wechselseitig ihren Begriff. Die Identität einer Sache wird damit in dem angesiedelt, was sie nicht ist. Jeden Gegenstand lässt der Historiker in die Verhältnisse zerfallen, deren Ergebnis er sein soll bzw. für die er als Bedingung oder Ursache zitiert werden kann. Nichts gilt für sich, nichts muss folglich hinsichtlich seiner Qualitäten bestimmt werden. Die Begriffslosigkeit ist Programm. „Die Historie lässt die Gegenwart in die Vergangenheit vergehen.“ In der Tat: Historische Erklärungen verlaufen sich in der Vorgeschichte ihres Themas.

Die solchermaßen konstruierten geschichtlichen Zusammenhänge sind notwendig abstrakter Natur: Wer sich von vornherein einen Begriff des zu erklärenden Gegenstand erspart, kann unmöglich seine notwendigen Entstehungsbedingungen darlegen. Deswegen sind trübe Prädikate wie ‚führte zu’, ‚mündete in’, ‚brachte hervor’, ‚hatte Einfluss auf’, ‚war Voraussetzung für’, ‚hängt zusammen mit’, ‚bahnte an’ und am schönsten: ‚zeitigte’ die allgegenwärtigen Formeln zur Erzeugung eines Scheins historischer Folgerichtigkeit. Das reflektiert diese Wissenschaft nicht als Manko. Im Gegenteil: Es eröffnet ihr eine immense Freiheit der Interpretation: ‚Jede Generation muss ihre Geschichte neu schreiben’, sagt man sprichwörtlich. Man kann sich darauf verlassen, dass die historische Weisheit immer aktuell ist.

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Vorträge im WS 2013/14
Vorträge im SS 2013

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