Wissen und Ausbildung im Kapitalismus 1. Wissen als Mittel des Kapitals Heutzutage ist es eine Selbstverständlichkeit, dass geforscht und erfunden werden muss, damit Unternehmen konkurrenzfähig sind und sie ihre Rentabilität steigern. Dass Wissenschaft und Technik Ressource des Kapitals und seiner Verwertung sind, will heute keiner mehr als Kritik verstehen, sondern als Auftakt zur Sorge, ob sie dieser Funktion auch entsprechen. a) Wissenschaft als Ressource der Gewinnmaximierung Unternehmer stehen mit ihrem Bestreben, ihre Waren und immer mehr davon gewinnbringend zu verkaufen, in einer Konkurrenz um die zahlungsfähige Nachfrage. Für diese Konkurrenz sind sie in zweierlei Hinsicht auf technische Innovationen angewiesen: Zum einen ist ihr Mittel, sich gegen andere durchzusetzen, der Preiskampf: Billiger anbieten als die Konkurrenz. Damit der Gewinn nicht darunter leidet, richten sich ihre Anstrengungen darauf, den Produktionspreis der Waren zu senken. Der wuchtigste Hebel hierfür sind „Rationalisierungen“, d. i. die Einführung von die Arbeitsproduktivität erhöhenden Maschinerien in den Betrieb zur Senkung der Lohnstückkosten. Die Erfindungen der Ingenieurskunst haben sich also für das Unternehmen als Mittel zu bewähren, mehr an Produkt aus der bezahlten Arbeit für sich herauszuholen, oder umgekehrt ausgedrückt: weniger vom produzierten Wert an die Arbeiter wegzuzahlen. Zum anderen versuchen Unternehmen durch neuartige Produkte sich neue Marktsegmente zu erschließen und so zahlungsfähige Bedürfnisse für ihren Absatz und Profit zu monopolisieren, oder sich durch technische Veränderungen an ihrer Produktpalette, die den Waren neue Gebrauchseigenschaften beigeben, gegenüber anderen Herstellern besserzustellen, so dass sie auf deren Kosten ihre Kundschaft erweitern bzw. einen höheren Preis für das eigene Produkt erzielen können. Wissenschaftliche Ergebnisse, die den Profit weder auf die eine noch die andere Weise zu steigern versprechen, interessieren nicht und bleiben unbeachtet. b) Wissenschaft als faux frais im Konkurrenzkampf der Kapitale um den Profit Alle Unternehmer sind auf die Ergebnisse der Naturwissenschaft angewiesen - jeder will diese aber ausschließlich nur für seine gegen die anderen gerichtete Rentabilitätsrechnung anwenden, was der allgemeinen und systematischen Entwicklung von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in dreierlei Hinsicht widerspricht: Der Ausgangspunkt von Wissenschaft mögen praktische Interessen sein, sie selbst abstrahiert aber davon und ermittelt die Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten der untersuchten Sache. Erst das Wissen um die Sache lässt dann die Frage zu, ob, wie und für was sich ihre Eigenschaften nutzen lassen. Wissenschaftliche Forschung erfordert also eine ganz andere Frage als die Konkurrenzkalkulation des Unternehmers, die sich auf brauchbare Ergebnisse vorhandener Wissenschaft bezieht. Das Forschen kostet selber Geld. Weil aber der Ausgangspunkt des Forschens gerade das Nicht-Wissen ist, also ein Nutzen dieser Kosten für den Gewinn des Unternehmens gar nicht klar ist, betreiben sie - wenn überhaupt - Forschung nur dann und dort, wo sich schon ein derartiger Nutzen absehen lässt. Wissen und auch Know-how ist der Sache nach allgemeiner Natur: Jeder, der es zur Kenntnis nehmen kann, hat es. Deswegen betreiben Kapitalisten Forschung nur dort, wo sie deren Ergebnisse als ihr exklusives Mittel gegen andere in Anschlag bringen können, sie deren Verwendung vor ihren Konkurrenten sichern können, so dass die sich nicht an den Früchten ihrer kostspieligen Forschung schadlos halten können. (Patentrecht, Industriespionage) c) Die staatliche Organisation von Wissenschaft, getrennt von der Konkurrenz und dadurch dienstbar an ihr Weil das systematische, allseitige Erforschen der Natur Geschäftsgrundlage des Kapitalismus ist, selbst aber kein Geschäftsmittel und auch kein Geschäft ist, organisiert der Staat Wissenschaft und Forschung als eine vom kapitalistischen Geschäft getrennte Staats-Abteilung. Er bezahlt Wissenschaftler und deren Arbeitsbedingungen und setzt sie frei zu untersuchen, was ihnen der Stand des Wissens eben an Fragen aufgibt. Dabei befreit er seine beamteten Denker vom Druck, stets Geld verdienen, auch laufend Resultate liefern zu müssen - schließlich ist es eine wissenschaftliche Frage, was überhaupt Resultate auf ihrem Feld sind und was den Stand des Wissens voranbringt. An die Erforschung der Naturgesetze schließt sich die Entwicklung technologischen Wissens an, die ebenfalls der Staat betreibt und deren Ergebnisse er den Kapitalen allgemein und unentgeltlich zur Verfügung stellt. Die greifen zu, sobald Anwendungen absehbar sind, die zur Kostensenkung im Betrieb oder zu neuen verkaufbaren Produkten zu führen versprechen. Diese Trennung von Wissen und dessen Anwendung macht das Wissen zur Ressource des Kapitals. Denn nicht das Wissen entscheidet über die Anwendung, nicht durch es bilden sich Interessen aus oder werden vorhandene kritisiert, sondern die ihm vorausgesetzten, von ihm abgetrennten Interessen konkurrierender Unternehmer bestimmen Ob und Wie seiner Anwendung. d) Exkurs Gesellschaftswissenschaften Genau wie bei den Naturwissenschaften ist die Freiheit der Wissenschaft, ihre Abtrennung von der gesellschaftlichen „Praxis“, Geschäftsgrundlage der Gesellschaftswissenschaften. Mit dieser Trennung werden ihnen die immanenten Zwecke ihrer Gegenstände zur selbstverständlichen Voraussetzung ihres Nachdenkens über sie, d. h. diese werden von den Gesellschaftswissenschaften nicht bestimmt und beurteilt, sondern bilden die Messlatte der theoretischen Befassung. So stellen sich die Gesellschaftswissenschaften in ihrem Theorietreiben auf den Standpunkt ihres Gegenstandes, thematisieren das Gelingen von Staat, Ökonomie und Gesellschaft und entdecken dabei immer wieder von neuem und von verschiedenen anerkannten „Aspekten“ aus, dass ihr Gegenstand ein Problem seines Funktionierens ist. Dieses parteiliche Denken liefert zwar keinen richtigen Satz zu ihren Gegenständen, ist aber gerade darin nützlich, dass es einen höheren Sinn und Zweck der gesellschaftlichen Zwangsverhältnisse propagiert. 2. Staatliche Ausbildung im Dienste des Kapitals a) Die von der kapitalistischen Gesellschaft benötigte Ausbildung als Staatsaufgabe Weil Wissen in der Wirtschaft zur Anwendung kommt, braucht sie ausgebildete Arbeitskräfte, die ihm diese Anwendung besorgen und andere, die wenigstens mit den dadurch hergestellten modernen Arbeitsbedingungen zurechtkommen. Aber das Ausbilden selber ist kein Geschäft (was man auch noch dem Streit um die Lehrlingsausbildung, die einzige Ausbildung, die der Wirtschaft überlassen ist, entnehmen kann): Die ausgebildeten Leute gehören dem Unternehmen nicht - also ist ihre Ausbildung auch keine Investition ins Kapital des Unternehmens. Auch die Schaffung dieser Geschäftsbedingung schenkt der Staat den Unternehmen, indem er Schulen und Hochschulen betreibt. b) Die Organisation des Bildungswesens als Selektionsveranstaltung Dass der Staat die Ausbildung fürs Kapital betreibt, sieht man ihr an: Er vermittelt Wissen nach dem Gesichtspunkt des erforderlichen Minimums: Nicht allen alles beibringen, sondern nur das für ihre Funktion Nötige. Dabei fungiert die Wissensvermittlung zugleich als Sortierung der Auszubildenden auf die Hierarchie der Berufe. Ausbildung findet als Selektionsveranstaltung statt (Dass alle Kinder zur Teilnahme an dieser Selektion verpflichtet sind, sich alle dem Vergleich stellen müssen, das ist - als Dürfen verstanden - das „Recht auf Bildung“): Das in der Schule zu vermittelnde Wissen taucht als Stoff auf, also als verbindliche Vorgabe, dass ein bestimmtes Quantum an Wissen in einem bestimmten Zeitraum, unabhängig vom Begreifen der Schüler, durchgebracht wird. Innerhalb dieses Zeitraums müssen sich die Schüler den Stoff aneignen, gleichgültig dagegen, wie schwer oder leicht sich einer dabei tut. Der Stoff wird abgefragt in Prüfungen: Innerhalb einer bestimmten Zeit müssen die Schüler beweisen, dass sie den ausgewählten Stoff reproduzieren können. Ermittelt wird also nicht ihr Wissen, sondern ihre Leistung, Wissen pro Zeit. Bei der Prüfung kommt es nicht nur auf die Leistung an, sondern auf den Leistungsvergleich mit den anderen Schülern: Die individuellen Ergebnisse der Prüfung werden zueinander ins Verhältnis gesetzt und danach bewertet: Erst aus dem Vergleich ergibt sich dann, was die einzelne (Fehl-) Leistung wert ist. Das Ergebnis wird in der Note festgehalten. Sie gibt abschließend und erschöpfend Auskunft über die Leistung des Schülers. In ihr wird nicht nur von seinem Wissen und Nicht-Wissen vollständig abstrahiert, sondern dem Schüler hilft es überhaupt nichts, wenn er nach der Schulaufgabe dem Lehrer seine Fehler selbst korrigieren kann. Die Noten geben aber nicht nur Auskunft über den Leistungsvergleich, sondern von ihnen hängt der weitere Gang der Ausbildung für die Einzelnen ab: Je nachdem, wie leicht sich einer mit den Anforderungen tut und in der schulischen Konkurrenz vorankommt - je weniger Hilfe und Förderung er also braucht -, desto länger darf er höhere und hohe Schulen besuchen. Umgekehrt werden diejenigen, die mehr Zeit und Hilfe bräuchten, um sich Wissen anzueignen, früh von weiterer Bildung ausgeschlossen - so dass halber und ganzer Analphabetismus zu den normalen Resultaten der freiheitlichen Schulbildung gehören. Wissen wird also den meisten Leuten hierzulande sehr sparsam verabreicht. Es sollen eben mit möglichst geringen staatlichen Kosten die für die Berufswelt nötigen Ausgebildeten herstellt werden: viele dumme Leute für die normalen Arbeitsplätze und - abgestuft - wenige höher ausgebildete für die Aufsicht der ersteren und für andere Verantwortungsfunktionen. Die Lerninhalte fungieren dabei zugleich als das Material dafür, an den Leuten die schulischen Leistungsunterschiede herzustellen. Dabei wird von den Voraussetzungen abstrahiert, die die Lernenden in die Lernkonkurrenz miteinbringen: Vorbildung durch das Elternhaus, materielle und personelle Unterstützung beim Lernen durch die Eltern, so dass es kein Wunder ist, dass durch die Ausbildung die Klassenlage der Eltern an den Kindern reproduziert wird, wie PISA herausgefunden hat. c) Hierarchie der Ausbildungsabschlüsse und Hierarchie der Berufe Die Hierarchie der Ausbildungsabschlüsse stellt eine Vorsortierung des Nachwuchses für die Hierarchie der Berufe dar, in der das Prinzip gilt, je „verantwortungsvoller“, also mit Macht ausgestatteter die Tätigkeit, desto höher das Einkommen, und je untergeordneter, schäbiger und anstrengender die Arbeit, desto geringer die Bezahlung. Deshalb gibt es den Gemeinspruch: Man muss was lernen, damit aus einem etwas wird. Dass sich die Position in der Gesellschaft der eigenen Bildung verdankt, ist aber nicht ganz die Wahrheit. a) Die Positionen in der Berufswelt ergeben sich nicht durch das, was man gelernt hat, sondern durch die jeweilige Funktion für Staat und Kapital. Politiker oder Unternehmer zu sein, ist eben keine Frage des Wissens, sondern eine Frage von Macht und Reichtum. Umgekehrt entscheidet der Bedarf des Kapitals darüber, was überhaupt als wissenswertes Wissen gilt: Mancher mag manches gelernt haben. Ob er damit eine „Qualifikation“ besitzt, liegt nicht an seinem Wissen, sondern am Interesse, das Arbeitgeber nach ihren Kalkulationen daran fassen. Ständig wird jede Menge Wissen entwertet, weil das Geschäft nicht im erwarteten Umfang wächst, sich auf andere Felder verlagert oder Kenntnisse durch ihre Objektivierung in neuer Technik überflüssig werden. Vor ein paar Jahren waren Informatiker so dringend gesucht, dass man Inder zu importieren suchte, heute sind diese zusammen mit deutschen Absolventen arbeitslos. Ihr Wissen ist keine Ressource, weil das Kapital es nicht braucht. Die „Freiheit der Berufswahl“ ist eben nichts anderes als das Privatrisiko, ob das gelernte, von den maßgeblichen Interessen zur Qualifikation geadelt, nämlich nachgefragt wird, oder nicht. Richtig ist dabei schon, dass man ohne gute Ausbildung am Arbeitsmarkt keine Chance hat, erstens überhaupt eine Anstellung zu finden und zweitens damit auch noch ein ordentliches Einkommen zu erzielen. Mit Ausbildung aber ist nichts entschieden: Sie ist ein Angebot an die Herren Arbeitgeber, das die zu nichts verpflichtet. b) Das Schulsystem stellt der wirklichen ökonomischen Konkurrenz ums Geld eine zweite gegenüber, in der es um Noten und schulische Abschlüsse auf verschiedenen Niveaus geht und in der es - anders als in der wirklichen - sehr gerecht zugeht: Nur die schulische Leistung zählt. Die Verwandlung der Bewährung in der Bildungshierarchie von einer Zulassungsvoraussetzung für die Position in der Berufshierarchie zu deren Grund ist deshalb eine enorme Legitimation für die wirkliche Konkurrenz: Im Prinzip nimmt jeder den Platz in der kapitalistischen Gesellschaft ein, den er aufgrund seines Wissens verdient. Allen ist dabei selbstverständlich, dass Unterschiede des Wissens keineswegs nur Unterschiede des Wissens sind, sondern immer gleich solche des sozialen Status begründen. c) Tatsächlich setzt nicht die Hierarchie der Bildung den Arbeitsmarkt ins Recht, sondern dieser jene. Die Bildungsinstitutionen lassen sich deshalb von „der Wirklichkeit“ kritisieren: Wenn die tatsächliche Nachfrage der Wirtschaft ihren Abschlüssen nach Qualität oder Quantität Unrecht gibt und ihre Zeugnisse entwertet, dann korrigieren die Schulen sich - und bemühen sich wertvolle Abschlüsse dadurch herzustellen, dass sie ihren Output dem Bedarf der Wirtschaft anzupassen versuchen. 3. Die dreifache, aus der staatlichen Einrichtung und Zweckbestim­mung folgende Kritik an Wissenschaft und Ausbildung Weil getrennt von der ökonomischen Verwendung bekommt der Bildungssektor stets den Vorwurf, er sei nicht praxisnah genug, verkopft, Wissenschaftler säßen in ihrem Elfenbeinturm und würden zweckfrei, ohne Rücksicht auf den Nutzen ihre Steckenpferde reiten; die Schul- und Hochschulabgänger wiesen die Qualifikationen nicht auf, die die „Wirtschaft“ bräuchte. Zugleich gibt es das Gegenteil: Weil auf die Verwendung durchs Kapital hinkonstruiert, kommt der Vorwurf, der Sektor diene den Tagesbedürfnissen der „Wirtschaft“, anstatt die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft zu befördern, für alle möglichen Innovationen Optionen zu schaffen und dabei durchaus kritisch gegen Eingefahrenes zu sein; die Hochschulen lieferten bloß unflexible „Fachidioten“ ab. Weil staatliche Unkost steht der Sektor zugleich unter der kritischen Prüfung, ob er die Steuergelder auch ökonomisch effizient ausgibt. Diese drei Kritiken geben selber keinen Maßstab der Entscheidung vor. Denn nützlich ist der Sektor ja gerade durch seine Trennung, und dass er kein Geschäft ist, ist ja sein Ausgangspunkt: Wie praxisnah und wie praxisfern ist national am nützlichsten? Wie exakt sollen Zahl und Bildungsniveaus der Ausgebildeten überhaupt dem aktuellen Arbeitsmarkt entsprechen - das Kapital weiß ja selbst nicht, von welcher Sorte Leute man morgen mehr oder weniger brauchen wird. Und der Preis? Wie viel staatliche Unkost lohnt sich für die Konkurrenzfähigkeit der Nation? Wegen der Unentscheidbarkeit des Gegeneinander der Gesichtspunkte kommt wirksame Kritik und Reform des Sektors stets zustande über die Unzufriedenheit der Staatsführung mit der ökonomischen Konkurrenzleistung der Nation. Insofern eine einerseits höchst unsachliche, andererseits genau sachgerechte Kritik an Wissenschaft und Ausbildung: Sie kann zwar nichts dafür; aber das, wofür sie da ist, wird ihr als ihre Leistung oder Fehlleistung angehängt. 4. Zum imperialistischen Gehalt der aktuellen Hochschulreform Die Politik ist unzufrieden mit den Leistungen ihres Wissenschaftssektors, was sich in ihrem Ruf nach Nobelpreisträgern und „Exzellenz-Forschung“ ausdrückt. Dabei richtet sich diese Unzufriedenheit nicht auf die allgemeine Bereitstellung der ‚Produktivkraft Wissenschaft‘, denn mit dem Ruf nach „Elite-Universitäten“ gibt die Politik auch immer zugleich kund, dass die bundesdeutsche „Bildungs- und Wissenschaftslandschaft“ sich vor der übrigen Welt nicht zu verstecken braucht; von „normal qualifizierten“ Akademikern gibt es genug, diese Dienst­leister sind sogar, wie ihre steigende Arbeitslosigkeit zeigt, überreichlich vorhanden. Deutsche Unternehmen werden offensichtlich ausreichend mit Ingenieuren, Informatikern und sonstigen Naturwissenschaftlern versorgt - aber all das ist der Politik eben nicht genug. Woran es der Politik mangelt, sind „Innovationen in Spitzentechnologie“. Die wiederum seien mit dem gewöhnlichen Wissenschaftsbetrieb nicht zu haben, weswegen es „Elite“ und deren Abtrennung von der „Massenuniversität“ brauche. Diese „Innovationen“ sollen dem deutschen Kapital auf dem Weltmarkt einen Wettbewerbsvorsprung sichern, der von anderen Nationen durch gleichlautende Anstrengungen nicht so schnell eingeholt werden kann, und so die At­traktivität des „Wissenschafts-“ Standortes Deutschland für internationale Kapitalanleger voranbringen. Die Politik sagt recht deutlich, was für sie die Zweckbestimmung der Wissen­schaft als Produktivkraft fürs Kapital ist: Sie soll sich als Waffe in der Konkurrenz bewähren, die eine kapitalistische Nation gegen die andere ausficht. Sie hat mit dafür einzustehen, dass möglichst große Teile des Weltmarkts „uns“ gehören und nicht „den anderen“. Für diese überlegene Konkurrenzfähigkeit soll die Nation auch im Wissen bzw. in dessen Erarbeitung einen Vorsprung vor anderen Nationen haben. Das, was die Politik vom ihrem Wissenschaftssektor haben will, taugt also nur etwas, wenn „wir“ es haben und „die anderen“ nicht. Mit ihrer „Innovationsoffensive“ will sie die intellektuelle Kapazität der Nation genau auf diesen Zweck ausrichten. Zum Beispiel auf den als „zukunftsträchtig“ eingeschätzten Geschäftsfeldern wie Gen- oder Informationstechnologie sollen die nationalen Forschungsinstitutionen so etwas wie eine Patentmaschinerie werden. Damit die Wissenschaft für die Nation in gesteigerter Form als Reichtumsquelle funktioniert, sieht sich der Staat herausgefordert, die Bedingungen der Erarbeitung von Wissen neu zu gestalten. Durch die Einführung von „mehr Wettbewerb“ in und zwischen den Hochschulen (um Finanzen via Drittmittel und Gebühren der Studenten, um renommierte Professoren durch „Leistungsbezahlung“), durch „Profilbildung“ bei den Hochschulen („Konzentration“ der Mittel auf ein bestimmtes Fächerspektrum und innerhalb der Fächer auf bestimmte Schwer­punkte v. a. via „Globalhaushalte“ und Bindung der Stellen- und Finanzausstattung an erbrach­te Leistungen) und durch gezielte finanzielle Förderung von einzelnen, zu Vorreitern der Spit­zentechnologie erklärten Hochschulen und Fakultäten sollen Elite-Universitäten und Fachbe­reiche sich von der „Massen-Universität“ und den Institutionen der „Breitenwissenschaft“ scheiden. Letztere sollen ihre Dienste billiger und schneller erbringen, wofür zum einen der Druck des Geldes sowohl bei den Hochschulen als auch bei den Studenten sorgen soll, zum anderen die Scheidung von Berufsausbildung und Ausbildung zum Wissenschaftler, die mit der allgemeinen Einführung des „Bachelor“ als ersten Hochschulabschluss vorgenommen wird. Neu ist dieser Einsatz des nationalen wissenschaftlichen Apparates für die Mehrung deutschen Reichtums in und aus aller Welt nicht, und auch nicht die Konfrontation mit anderen führenden Weltmarktnationen, die ebenfalls solche Apparate unterhalten. Aber die Offenheit, mit der die nationale Indienstnahme der Wissenschaft hinausposaunt und der Eifer, mit dem Deutschland daran geht, nach dem Vorbild der USA „Elitewissenschaftler“ der ganzen Welt in den Dienst deutscher Eliteinstitute zu stellen, sind ein weiterer Beleg dafür, wie sich die Feindseligkeit zwischen den imperialistischen Mächten weiterentwickelt. Sie sind sich sicher, dass die Zeit einer westlichen „scientific community“, in der alle Forschungsergebnisse im Prinzip allen Verbündeten offen standen, sich dem Ende zuneigt. Wissenschafts- und Forschungspolitik wird künftig als Kampf um die Monopolisierung des Wissens geführt. www.sozialistischegruppe.de/thesen/ressource_bildung.txt