Grundzüge des Funktionalismus Funktion - der soziale Sinn Vom Nutzen des Ärmelknopfes ... "Wasser ist zum Waschen da, Falleri und Fallera Auch zum Zähneputzen kann man es benutzen. Eines ist sicherlich nicht zu bestreiten - natürlich haben Sachen mitunter Funktionen für etwas anderes, sind da für ... oder geeignet, um zu ... Funktionalisten wie Merton jedoch berufen sich lediglich auf - beispielsweise - die Funktionalität des Blutkreislaufs für die Sauerstoffversorgung des Organismus, um - getrennt von jedem Gegenstand der Untersuchung - eine bestimme Betrachtungsweise der Welt zu propagieren: den Funktionalismus eben. Wo in den zitierten Beispielen aus dem Bereich der Naturwissenschaften es in jedem Falle so ist, dass die Wissenschaft aufgrund ihrer Kenntnis eines bestimmten Gegenstandes seine Wirkungen auf und Funktionen für andere zu benennen weiß, will die Soziologie ihre Gegenstände von vornherein als Funktionen aufgefasst wissen. Zu erklären, wie irgendeine bestimmte Wirkung geht, warum die wirkende Sache zu jener in der Lage ist, was sie selbst ist, warum es also tatsächlich d.h. notwendigerweise ihre Funktionen und Wirkungen sind - all das will der Funktionalismus sich sparen. Mehr noch: Die methodische Anweisung, alles als Funktion zu betrachten - Malinowski: "In jedem Typ von Zivilisation erfüllt jeder Brauch, jeder materielle Gegenstand, jede Vorstellung und jeder Glaubensinhalt, irgendeine (!) lebenswichtige Funktion" (S.189) - ist das offensive (Glaubens-) Bekenntnis des Funktionalisten, noch vor jeder Beschäftigung mit einem Gegenstand das Wesentliche über ihn bereits zu wissen: dass er "Funktion" ist. Diese alchimistische Scheinweisheit hat sich von der - falschen - Identifizierung von Gegenständen mit (immerhin!) ihren Funktionen längst emanzipiert zugunsten des unverfrorenen Gestus, alles und jedes auf der Welt vor und anstelle jeder Kenntnisnahme seiner Besonderheit mit dem soziologischen Vorurteil als seiner Bestimmung zu versehen: Es ist Funktion. Wodurch? Blöde Frage! Die schlichte Tatsache, dass es Polizei, Religion, Strafe und das mit Vorliebe zitierte Herz gibt, ist einem Funktionalisten da Beweis genug: 'Das muss doch zu etwas gut sein' - diese moralische Generalunterwerfung, unter die Welt, die jede Oma auch lässig hinkriegt, übersetzt ein Funktionalist ins Wissenschaftliche. Und hat dementsprechend kein einziges Argument gegen die Blüten, die diese Betrachtungsweise notwendig treibt. Merton zitiert als "Grenzfall" einen Herrn Kluckhohn, der es mittels funktionaler Analyse zu folgender Weisheit gebracht hat: "Die Ärmelknöpfe eines europäischen Herrenanzuges, die heute keinen praktischen Nutzen mehr besitzen, haben die 'Funktion', Vertrautes zu bewahren (die Ärmelknöpfe eben), Tradition (des Ärmelknöpfetragens?) zu erhalten. Die Leute fühlen sich im allgemeinen wohler, wenn sie im Verhalten eine Kontinuität spüren, wenn sie glauben, dass sie den orthodoxen und sozial gebilligten Verhaltensweisen nachleben." (S.184) Wenn man gegen den soziologischen Entschluss, jede Sache mit dem Prädikat ihrer prinzipiellen Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit zu belegen, wenn man dagegen, dass hinter all seinem Treiben der Mensch zuvörderst dessen Regelmäsigkeit im Auge hat, um sich in seinem Treiben daran halten zu können - wenn man dagegen nichts hat, kann man gegen diese gelungene Deduktion der Notwendigkeit des Ärmelknopfs aus dem durch ihn bewiesenen Bedürfnis nach seinem regelmäßigen Vorhandensein wohl kaum etwas einwenden! ... zum Sinn für hopsende Hopis ...Ohne Wasser gäb's kein Paddelboot, Keine Ölsardinen auf dem Brot, Und am Strand der Riviera Wär’ es heute schon viel leerer. Dass jedenfalls hinter Ärmelknopf, Strafen und indianischem Herumgehopse herbeizuhopsenden Regens wegen etwas ganz anderes steckt, diese soziologische Gewissheit bebildert ein Soziologe mit Merton an den zu diesem Behufe regelmäßig zitierten Hopi-Indianern ungefähr so: "Die Hopi-lndianer tanzen, um Regen zu erbitten. Natürlich regnet es daraufhin nicht. Aber dennoch gibt es den Regentanz weiterhin. Offenbar kann es also nicht darum gehen, dass es regnet. Der Regentanz hat die Funktion, Brauchtum zu bewahren, die ethnische Identität, die Gruppenidentität zu festigen." Von dem, was die tanzenden Rothäute als Begründung für ihren Regentanz angeben, will sich ihr aufgeklärter soziologischer Begutachter nicht irre machen lassen: Da muss doch was anderes dahinterstecken! Der Übergang von der meteorologischen "Sinnlosigkeit" des Tanzens zum eigentlichen soziologischen Sinn ist allerdings ganz und gar gemogelt: Natürlich ist die Sache mit dem Regentanz rein meteorologisch ziemlich dumm, deswegen funktioniert er auch nicht. Das ändert aber nichts daran, dass besagte Hopis deswegen tanzen! Lustigerweise gehen Soziologen für ihren soziologischen Verwandlungstrick genau davon aus. Der für ihre interessierte Interpretation in Anspruch genommene Sachverhalt, dass die Hopis durch ihren Zauber ihr nasses Ziel nicht erreichen, soll den Schluss nahe legen, dass es ihnen wegen dieser Erfolglosigkeit um etwas anderes gehen müsse. Nur: Wenn man Erfolglosigkeit attestiert, geht man doch gerade davon aus, dass die Hopis wegen des Regens und aus keinem anderen Grund tanzen! Die weiteren Schritte der Verwandlung des Regentanzes in ein Gruppenidentitätsfestigungsbrauchtum: Auf der Suche nach dem tieferen Sinn der Tanzerei wird nach seinem Zweck nun auch das Mittel - der Tanz - gestrichen - der Regentanz figuriert nur mehr als: Da tun welche was gemeinsam. Die tautologische Erklärung: Wenn welche was (was?!) gemeinsam machen, dann der Gemeinschaftlichkeit wegen, deretwegen sie dann freilich nicht ausgerechnet tanzen müssten und sich dabei auch noch einbilden, dass es um Regen geht. Nicht genug damit: Die Gemeinschaftlichkeit, die "Gruppenidentität" sieht sich zum neuen Subjekt erhoben, das den Gliedern der Gemeinschaft (welcher?!) aufherrscht, sich ihr Erlebnis zu verschaffen, damit Gemeinschaftlichkeit herrsche. Der Regentanz (der hier in der Tat nur als Beispiel figuriert) wird verdoppelt in sich selbst und seine angebliche soziologische abstrakte Identität "Brauchtum" - um so mit der verrückten Bestimmung versehen zu werden, dass er getanzt wird, damit es ihn weiterhin regelmäßig gibt! Und zwar nun nicht als bestimmten "Brauch" Regentanz, sondern als Brauchtum überhaupt - weil so was braucht's um ... Warum? Wir erinnern uns des Kollegen mit den Ärmelknöpfen : "Die Leute fühlen sich im allgemeinen wohler, wenn sie im Verhalten eine Kontinuität spüren, wenn sie glauben, dass sie den orthodoxen und sozial gebilligten Verhaltensweisen nachleben." (S.184) Das Gemeinschaftserlebnis selbst - Ärmelknopf oder Regentanz - wird selbst (streng funktionalistisch) gar nicht weiter ins Auge gefasst, sondern gleich mit "seiner" Funktion identifiziert: "Kontinuität" zu stiften. Zwar ist unerfindlich, wie so ein inhaltsleeres Ding je gefährdet sein könnte - merken sollen wir uns ja aber auch nur das soziologische Generalkompliment an jede "Ordnung" und "Kontinuität". Unabdingbar dafür, dass man sich an sie halten kann! Und was wäre da besser geeignet als die Existenz "orthodoxer" Regelungen, um sich an sie zu halten?! Wo käme er denn hin, der homo sociologicus, wenn es je bloß nach seinem Gusto ginge - woran wollte er sich dann halten, wobei sich wohl fühlen, wenn nicht bei der eigenen Unterordnung unter angeblich seine eigenen Kontinuitäten?! Die Welt - Manifestation latenter Funktionalitäten Auch die Wasserspülung wär'n wir los, In der Wasserleitung wüchse Moos Und Hawaii, die Südseeinsel, Wär’ ein öder Palmenpinsel." Den soziologischen Beschluss, hinter Tun und Lassen von Hopis und anderen Knöpfen die Funktion walten zu sehen, dass "in der Sozialsphäre, wo Einzelmenschen, die wesentlichen Einheiten, durch Netze sozialer Beziehungen zu einem integrierten Ganzen verbunden sind, die Funktion jeder wiederkehrenden Tätigkeit ... in der Rolle (!) besteht, die sie im sozialen Leben als Ganzem spielt, und daher in ihrem Beitrag zur Erhaltung der strukturellen Kontinuität" (Radcliff-Brown, zit. nach S. 174). den Entschluss also, jedes Ding als seine Funktion dafür zu bestimmen, dass es seinen (?) Zusammenhang gibt, bereitet Merton methodologisch in der an den oben zitierten Hopis exekutierten Weise vor. "Soziale Funktion bezieht sich auf beobachtbare objektive Konsequenzen, nicht auf subjektive Dispositionen (Ziele, Motive, Zwecke) (S. 176) ... (Das) zwingt uns zur Einfühlung einer begrifflichen Unterscheidung zwischen den Fällen, in denen das subjektiv angestrebte Ziel mit den objektiven Folgen zusammenfällt, und den Fällen, in denen die beiden auseinanderfallen ... latente Funktionen (Hv.i.O.) sind dementsprechend solche, die weder beabsichtigt sind noch wahrgenommen werden" (S. 195) - außer vom Funktionalisten natürlich! Obwohl nämlich (oder gerade weil?) von niemand gewollt und wahrgenommen, stellen sich hinter dem Rücken der Leute nolens volens die "Funktionen" ein und her, auf die der soziologische Durchblicker es abgesehen hat: Ihr "Beitrag zur Kontinuität" ist es, der die Dinge auszeichnet. Mit der expliziten Trennung von "manifesten" Funktionen und dem, was eigentlich das Wesentliche der Dinge sei, hat die Soziologie sich den - als Eigenschaft des Gegenstandes behaupteten - Freibrief geschrieben, alles und jedes mit den Funktionalitäten zu versehen, auf die sie es abgesehen hat: Latent ist die Welt im Innersten von dem zusammengehalten, was der Soziologe als ihr Wesen behaupten will! "Funktion" steht hier für einen Dienst ganz absonderlicher Art: Was soll eigentlich die Generalaufgabe "Erhaltung der Kontinuität" anderes heißen als eine prinzipielle Nützlichkeit aller Dinge für ..., die ihrem Inhalt nach keinen Dienst, sondern den leeren Schein einer Notwendigkeit verspricht. Weit und breit nichts als methodologische Floskeln, um sich um die blanke "Selbsterhaltung" von allem und jedem zu sorgen ohne auch nur mit einem Wort erwähnen zu müssen, wem man hier alles Gute wünscht. Und wenn ein Soziologe erst einmal "Funktion" gesagt, sich von den Eigenarten der verhandelten Dinge erst einmal emanzipiert hat, ergibt sich die weitere "Argumentation" ganz nach den völlig inhaltsleeren Differenzierungen dieses einen falschen Gedankens: Ist zur Erfüllung "seiner" Funktion (wir erinnern uns: der, dass es ihn gibt!), notwendig der bestimmte Gegenstand notwendig - oder gibt es da "funktionale Äquivalente" (Merton)? Und: Ist nun jeder Gegenstand gänzlich unabdingbar oder gibt es da Unterschiede im gleichen: "Dys-", "Eu-" und schließlich "A-Funktionalität"? Zumindest an letzteren, an der ganz nonchalant als auch denkbare Variante hingesagten Alternative, dass das Funktionsprinzip auch dann durchgeführt sei, wenn keine "Funktion" vorliege (ob das so ist, liegt ganz im Gusto des jeweiligen "Ansatzes"!), könnte einem auffallen, was man an letzterem eigentlich hat! Zitate aus: Robert K. Merton: Funktionale Analyse. In: Hartmann (Hg.): Moderne amerikanische Soziologie www.sozialistischegruppe.de/hefte/2008/Funktion_SozialerSinn.txt