Einführung in die Volkswirtschaftslehre „Eherne Gesetze des Wirtschaftens“ Jede Einführung in die moderne Volkswirtschaftslehre ist eine Widerlegung der Vorstellung, es ginge dieser Wissenschaft um eine Erklärung der ökonomischen Realität. Schon die „zentrale Fragestellung“ enthält eine klare Absage an den Anspruch, zu klären, wie in der existierenden Ökonomie Produktion, Verteilung etc. eingerichtet sind, welchen Erfolgskriterien sie gehorchen, welche Verfahrensweisen ihr eigentümlich sind. Es geht nämlich um das seltsame Rätsel, warum es überhaupt „eine Wirtschaft“ gibt, warum „der Mensch“ aufs „Wirtschaften“ nicht verzichten kann. Eine bloße Schrulle zum Auftakt, die man gleich wieder vergessen kann, ist das nicht. Diese Frage ist schon erfunden worden, um eine ganz, ganz grundsätzliche „Problemlage“ aus der Tasche zu ziehen, mit der sich jede Wirtschaft seit Adam & Eva abzuplagen habe, durch die sich – letztlich – jede ökonomische Einrichtung begreifbar machen lasse: als mehr oder weniger gelungener „Lösungsversuch“. Dieses wirtschaftliche „Grundproblem“ trägt den Namen „Knappheit“: „Wirtschaftliche Probleme entstehen dadurch, dass im Hinblick auf die Befriedigung menschlicher Wünsche und Ziele die vorhandenen Mittel zu knapp sind und daher nicht in einer beliebigen, sondern in einer möglichst wirkungsvollen Weise zu disponieren sind. Alles Wirtschaften geschieht unter dem Zwang der Begrenztheit der Mittel. Wo Überfluss herrscht, fehlt die Voraussetzung zur Ökonomie. Die Knappheit bildet also ein Wesensmerkmal für den Gegenstand unserer Disziplin. Ohne Knappheit gibt es keine wirtschaftlichen Probleme, keine Preise, Löhne, Zinsen, Mieten, nicht einmal Geld und weder Armut noch Reichtum, sondern die immer währende Befriedigung und Sattheit: das Schlaraffenland.“(Häuser) „Die Knappheit“ ist eine metaphysische Setzung und sonst nichts. Dass etwas fehlt, eine Lücke existiert zwischen Bedarf und den Mitteln zu seiner Sättigung, das gibt es natürlich. Dann lässt sich aber auch angeben, wie groß die Lücke ist, ob sie sich beheben lässt und, wenn ja, wie. Eine empirische Erhebung, wo auf der Welt wovon wie viel zu wenig ist, hat die Wirtschaftswissenschaft nach eigenem Bekunden gar nicht nötig gehabt, um zu ihrem Befund zu gelangen. Alles und jedes soll „zu knapp“ sein, und das immer und ewig!? Das ist schon in sich unlogisch. Schließlich soll von einem Maßverhältnis (Bedürfnisse/ Bedürfnisbefriedigungsmittel) die Rede sein, dessen ganzer Inhalt Unverhältnismäßigkeit heißt. Um dergleichen überhaupt denken zu können, müssen beide Seiten dieses Verhältnisses so gefasst werden, dass die Rechnung nie aufgehen kann: Bedürfnissen muss ganz prinzipiell als „Wesensmerkmal“ angedichtet werden, je größer zu sein als jeder Güterberg, welchselbiger umgekehrt die eine entscheidende Qualität besitzen soll, immer zu klein zu sein. Geständig wird der Unsinn erst recht an der leeren Gedankenbewegung, dass die Existenz „des Wirtschaftens“ die Existenz des Knappheitsproblems beweise, „weil“ ansonsten ja alles Wirtschaften überflüssig wäre. Welch eine Logik! Knappheit gibt es, weil ansonsten Schlaraffia herrschte, also der genau spiegelbildlich fiktive Zustand, wo alles prinzipiell im Übermaß vorhanden ist und einem die gebratenen Tauben ins Maul fliegen, kaum dass man es zum Rülpsen geöffnet hat. Wir nehmen zur Kenntnis: „Knappheit“ ist nichts als die Negation der Idee ewigen Überflusses; jede Verwandtschaft mit dieser und jener Mangelsituation ist ausgeschlossen. Es handelt sich um einen schieren dogmatischen Glaubenssatz. So unsinnig das „Grundproblem“, so sinnig die Auskunft, die man ihm über die Zweckbestimmung einer jeden Wirtschaft entnehmen soll: Gut, dass es sie gibt, weil „der Mensch“ mit seiner Mangelsituation sonst im Regen dastünde! Die erste Aussage der ökonomischen Wissenschaft über ihren Gegenstand, die Ökonomie, ist also die, dass es sie unbedingt geben muss, dass es um ein ehrenwertes Anliegen geht: gegen den Missstand „Knappheit“ anzukämpfen. Logisch ist das zwar nicht, dass eine ohne Maß gedachte Güterlücke durch produktive Anstrengungen in Maßen verringert werden soll – „Knappheitsminderung“ ist eine höchst widersprüchliche Oberüberschrift der Volkswirtschaftslehre über alles, was in irgendeiner Wirtschaft unternommen wird. Die Wirtschaftswissenschaft gibt aber auch noch damit an, Verfahrensregeln zu kennen, wie diese Aufgabe allen Wirtschaftens sachgerecht anzupacken und zum Erfolg zu führen ist. Es gelte, das so genannte „Ökonomische Prinzip“ anzuwenden, und dieses sei der Inbegriff von Vernünftigkeit überhaupt: „Als ökonomisches Prinzip wird der zweckmäßige Umgang mit den knappen wirtschaftlichen Gütern beschrieben.“(Flemming) „Es (das Prinzip) beruht auf dem allgemeinen Vernunftprinzip, das jedem Menschen gebietet, entweder mit gegebenen Mitteln einen möglichst großen Erfolg (Nutzen) zu erzielen, oder aber, anders formuliert, ein vorgegebenes Ziel (eine bestimmte Nutzenhöhe) mit einem möglichst geringen Aufwand (möglichst wenig Gütern) zu erreichen. Die erste Handlungsweise (fixierter Input, maximaler Output) bezeichnet man als Handeln nach dem Maximumprinzip, die zweite (fixierter Output, minimaler Input) als Handeln nach dem Minimumprinzip.“(Bartling/ Luzius) Als Handlungsmaxime genommen, ist dieses „ökonomische Prinzip“ eine mehr als matte Sache – wem nützt es schon, wenn ihm beim Verfolgen eines Zwecks geraten wird, das Prinzip der Zweckmäßigkeit zu beachten, alles richtig und nichts verkehrt zu machen?! So nichtssagend leer diese Regel allerdings ist – im Rahmen der wirtschaftswissenschaftlichen Denkweise macht sie ihren (schlechten) Sinn. „Optimieren!“ ist der passende Reim auf jedweden ökonomischen Zweck-Mittel-Zusammenhang dann – freilich nur dann –, wenn jeder Zweck durchgestrichen bzw. darauf zusammengestrichen wird, der Beschränktheit des Mittels Rechnung zu tragen. Wenn nun einmal die „Knappheit“ der Mittel zu dem Dreh- und Angelpunkt jeder denkbaren ökonomischen Handlung erkoren ist, dann kommt kein anderer Gedanke übers Wirtschaften mehr zustande als die Spruchweisheit „Das Beste draus machen!“ Das ist dann die eigentliche Zweckbestimmung und der ganze Inhalt einer „ökonomischen“ Vorgehensweise. Wie wenig das mit einer – und sei es noch so allgemein gehaltenen – Erfolgslogik beim Produzieren (von Gütern, mithilfe von Produktionsmitteln) zu tun hat, merkt man dem „ökonomischen Prinzip“ freilich allemal an. Ein Produktionsvorgang, dessen „Rationalität“ in einem pur quantitativen Zusammenhang von Mengen (Ressourcen, Produkte) bestünde, lässt sich vernünftig gar nicht denken: Jedes Maßverhältnis zwischen „Aufwand“ und „Ertrag“, eingesetzten Produktionsmitteln und Arbeitseinheiten und produzierten Gütern, hat neben der quantitativen eine qualitative Seite. „Maximum-“ wie „Minimumprinzip“ – beide abstrahieren in absurder Weise von allem, was die Sache spannend macht, wenn es um die güterwirtschaftliche „Effizienz“ eines Produktionsvorgangs geht: Was folgt, wenn so oder so verfahren wird? Das weiß doch ein Blinder, dass es ein Unterschied ist, ob ich eine Wand einmal oder zweimal beim Renovieren streiche – ganz zu schweigen davon, ob ich dafür Farbe oder Tipp-Ex nehme. „Input“ und „Output“ sind dagegen die passenden Unsinnsabstraktionen, wenn von der „Effizienz“ beim Produzieren oder Anstreichen partout nichts anderes übrig bleiben soll als das Postulat, das Maximum an quantitativer Differenz (was immer das heißen mag!) herauszuholen. Sehr ökonomisch! Genauso absurd wie das Gebot, aus beschränkten Mitteln viel zu machen, ist die Nutzanwendung der „Knappheitsthese“, Wirtschaften mit „Qual der Wahl“ gleichzusetzen: „Wirtschaften heißt, nach bestimmten Kriterien Wahlentscheidungen zu treffen. Der wirtschaftende Mensch kann im allgemeinen nicht alle Bedürfnisse befriedigen, sondern muss zwischen Alternativen wählen. Da seine Mittel begrenzt sind, verzichtet er mit der Entscheidung für die Befriedigung eines Bedürfnisses x durch ein Gut A auf die Befriedigung eines Bedürfnisses y durch ein Gut B.“(Woll) Der ökonomische Sachverstand bleibt freilich nicht bei der Volksweisheit „Man kann nicht alles haben!“ stehen. Wenn es schon so stehen soll, dass die Produktion eines Guts soviel wie der Verzicht auf die Produktion eines anderen Guts ist und umgekehrt das Nichtproduzieren eines Guts soviel wie der Gewinn an Produktion von etwas anderem, dann – so denkt der Ökonom weiter – kommt es auf die sorgfältige Ermittlung der Wahlmöglichkeiten an. Ökonomie ist eine exakte Wissenschaft! Das merkt man an der folgenden Kurve, „Produktionsmöglichkeiten“ oder „Transformationskurve“ genannt, die an dieser Stelle an die Tafel gemalt wird: (www.sozialistischegruppe.de/hefte/2007/vwl.gif) Damit keiner ungerecht wird: Das Verhältnis von Butter und Kanonen ist das Lieblingsbeispiel der VWL! Die Behauptung lautet: Mit einer beschränkten Menge gegebener „Ressourcen“ kann ich – die Beachtung des „Maximumprinzips“ vorausgesetzt – unendlich viele 'gleichwertige' Kombinationen aus Gut A und Gut B produzieren; wenn ich Punkt A auf der Kurve durch Punkt B ersetze, verzichte ich auf ein bestimmtes Quantum von Gut A, erhalte dafür aber ein größeres Quantum von Gut B. Alles Quatsch! Erstens, weil ich aus den gegebenen Ressourcen (Zement) weder Butter, noch Kanonen basteln kann. Zweitens, weil verschiedene Güter nichts Vergleichbares an sich haben, schon gar nicht hinsichtlich ihres Nutzens – der qualitativ höchst verschieden ist (seit wann gibt's „den“ Nutzen?) – quantitativ verglichen werden können (von wegen „Transformation“!). Drittens, weil die Kurve alias die Chimäre einer Berechenbarkeit des Nutzenzuwachses in A im Verhältnis zum Nutzenentgang in B auch noch Kanonen vierteln und sechszehnteln muss, um sie mit halben Pfunden Butter aufwiegen zu können. Und schließlich viertens, weil überhaupt nichts berechnet wird, sondern bloß so getan wird, als ob eine ökonomische Rechenaufgabe vorläge: Wie die Kurve in welchem Fall aussehen müsste, weiß kein Volkswirt – aber dass sich irgendeine Kurve immer aufstellen ließe, das weiß er mit 110 %iger Sicherheit. Wenn das kein Optimum ist! Der geistige Ertrag Die moderne Wirtschaftswissenschaft erklärt nichts. Mit ihren metaphysischen Prämissen und den damit ermöglichten Deduktionen zeichnet sie ein Sinnbild mit Namen „Wirtschaft“ – so ähnlich, wie sich jede brave Oma „das mit der Wirtschaft“ auch schon immer vorgestellt hat. Plausibel können einem sämtliche „ehernen Notwendigkeiten“ jeglichen Wirtschaftens freilich nur dann vorkommen, wenn man heimlich immer an etwas anderes denkt, nämlich an Phänomene, die man aus dem real existierenden Kapitalismus kennt: - „Knappheit“ findet man dort nämlich allüberall; allerdings eine der besonderen Art: nämlich Geldknappheit. Reichtum gibt es in dieser Wirtschaftsform jede Menge, bis hin zu Überschüssen aller Art – aber reichen tut er nicht. Für diejenigen, die ihn erarbeiten und dabei auch noch leben müssen, deshalb nicht, weil ihr Einkommen wegen des Firmenerfolgs knapp kalkuliert wird; für diejenigen, die über ihn als Geschäftsmittel gebieten und verfügen, deshalb nicht, weil der Erfolg in der Konkurrenz um Milliarden bekanntlich verpflichtet ... - „Optimieren“, diese Erfolgslogik der quantitativen Art, auch das erinnert einen irgendwie an die Welt, in der wir leben. Das liegt allerdings daran, dass hierzulande jeder Scheiß als Geldgröße taxiert und unter dem Gesichtspunkt einer „Differenz“ namens Gewinn gehandhabt wird. Als Kostenbestandteile, nur so allerdings, sind dann auch die unvergleichlichsten „Produktionsfaktoren“ vergleichbar, als Ertragsposten beliebige Güter durcheinander ersetzbar ... Der theoretische Gewinn, der entsteht, wenn kapitalistische Formbestimmungen der Reichtumsproduktion zu ewigen Sachzwängen jeder Wirtschaft verballhornt werden, erweist sich am schönsten in der Umdrehung (die man in den komplexeren Theoriestücken der Volkswirtschaftslehre bewundern kann): Wenn nämlich alle kapitalistischen Zwänge als Lösung der „Grundprobleme“ zu höheren Ehren kommen. „Es ist Mode, der Ökonomie einen allgemeinen Teil vorherzuschicken ... Die Produktion soll im Unterschied von der Distribution etc. als eingefasst in von der Geschichte unabhängigen ewigen Naturgesetzen dargestellt werden, bei welcher Gelegenheit dann ganz unter der Hand bürgerliche Verhältnisse als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft in abstracto untergeschoben werden.“(Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857) Auch derjenige, der bloß die Einführung in die Volkswirtschaftslehre absolviert hat, weiß eines ganz gewiss: ob Gewinne gemacht, Zinsen gesenkt, Leute entlassen oder BaFög-Gelder verjubelt werden – irgendwie geht's um das relativ Bestmögliche. Womit er die entscheidende Lehre über die Volkswirtschaft schon mitbekommen hätte. www.sozialistischegruppe.de/hefte/2007/vwl.txt