ARGUMENTE GEGEN DIE GERMANISTIK Literaturwissenschaftliche Bildung – wie man sie erwirbt und wozu sie befähigt An Anerkennung mangelt es den schönen Künsten und namentlich der Literatur in der bürgerlichen Gesellschaft nicht. Dichter gelten als Menschen mit besonderen Geistesgaben, welche die Leistungen der gewöhnlichen Intelligenz übersteigen, ihre Worte werden mit Vorliebe als Zeugen zitiert, ihre Werke durch öffentlich-rechtliche Anstalten der ganzen Nation und besonders in den Schulen der Jugend als Bildungsgut verabreicht. Die Literaturwissenschaft sieht ihre Aufgabe darin, zu beweisen, dass die allgemeine Wertschätzung der Poesie berechtigt und dieser Sache angemessen ist. Sie ist stolz darauf, dass dieser Beweis in einem Prozess des Interpretierens besteht, der – wie sie selbst beteuert – nie zu einem Abschluss gebracht werden kann. Ihre Dienstleistung an der Kultur der Nation kommt als immer noch einmal erneuerte Deutung der Dichter in anderen Blickwinkeln unter Einbeziehung der bisherigen und Hinzufügung stets neuer subjektiver „Aspekte“ daher. Damit steht eines schon fest: Germanistik ist keine Sache des Wissens. Im Gegenteil: Ihren ‚Gegenstand‘ theoretisch in ein begriffliches Resultat ,aufzulösen‘, halten Literaturwissenschaftler für ein Sakrileg. Germanistik ist eine Frage der rechten Haltung zur Literatur. Diese Haltung macht sich nicht abhängig von den Argumenten, die zu ihren Gunsten ins Feld geführt werden können. Literaturwissenschaftliches Denken verfährt eingestandenermaßen umgekehrt. Die richtige Haltung einzunehmen ist die Voraussetzung dafür, überhaupt einen zunftgemäßen literaturwissenschaftlichen Befund zustande zu bringen. Deshalb ist das Erlernen der Literaturwissenschaft weniger eine Sache begründeter Einsicht als vielmehr eine Angelegenheit, bei der es auf gedankenlose Anpassung an zünftige Rituale und gedanklichen Opportunismus gegenüber der qua Amt ausgewiesenen „Lehrmeinung“ ankommt. Für die Herstellung der rechten Haltung reicht das offenbar. Und mit der ist man dann ebenso gut zum Deutschlehrer befähigt wie dazu, arbeitslos und zum Programmierer umgeschult zu werden. I. Die „Voraussetzungen“ des Interpretierens 1. Formalia, die keine sind Literaturwissenschaftlich fachgerechte Abhandlungen sind schon an Äußerlichkeiten von sonstigen Auslassungen zur Literatur zu unterscheiden. Sie pflegen eine formelle Korrektheit, die im Vorkommen gewisser Angaben an gewissen Stellen besteht. Kaum wird ein Autor oder Titel eingeführt, sind sogleich fällig: Lebensdaten des Autors, Jahr der Entstehung, der Erstveröffentlichung oder Uraufführung des behandelten Werks. Es ist möglich, aber nicht nötig, im beispielsweisen Fall von Thomas Mann in einer Biographie nachzusehen und daraus abzuschreiben, dass selbiger „an einem Sonntag um 12 Uhr mittags zur Welt gekommen“ ist. Zunächst einmal reicht es, routinemäßig anzugeben: Gotthold E. Lessing (1729-1781), Emilia Galotti (1772). Thomas Mann (1875-1955), Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, das ein Jahr vor dem Tod des Schriftstellers veröffentlichte Alterswerk ... Was leisten diese Angaben eigentlich? Erstens nichts. Dem Inhalt nach geben sie Fakten bekannt, die für sich genommen überhaupt nichts besagen. „1772“ ist kein Argument zum Drama „Emilia Galotti“, und das soll es auch gar nicht sein. Mehr soll gar nicht ausgedrückt werden als: dieses Drama wurde in jenem Jahr verfertigt, 1955 Ableben von Th. Mann etc. Zweitens kann und soll sich der gebildete Leser allerlei dazu denken. 1772 – aha, Aufklärung und/oder Empfindsamkeit, ancien regime ... 1955 – Nachkriegszeit, ach so ... Die Assoziationen sind beliebig, aber gerade die Willkür enthält den Gedanken, den sich die Literaturwissenschaft in der Formalie zur selbstverständlichen Gewohnheit gemacht hat. Die Daten sind Aufforderungen zur Einordnung eines Autors und Stücks Literatur in andere – sei es literarische, politische oder wie auch immer beschaffene – Sachverhalte: Aufforderungen zur Einordnung, bei der es weder auf den Inhalt des literarischen Dokuments noch auf die Eigenart der Bezugspunkte ankommt, sondern auf die Bekundung der methodischen Gewissheit, dass auf jeden Fall tausend Dinge aus allen möglichen Sphären als Voraussetzungen und Gründe des literarischen Produkts in Betracht kommen. Insofern ist die beliebige Abrufung gleich-gültiger Einordnungsgesichtspunkte überhaupt nichts Vorläufiges. In dieser gedankenlosen Manier bekundet sich der feste Glaube, jedes gedichtete Etwas stelle eine höchst begründete Sache dar, die in tausend Verhältnissen stehe und sich darin bewähre. Das steht schon mit der Nennung des Romantitels (1934) fest und gilt unbedingt, egal, was den Poeten im Roman interessiert und wie er sich darauf bezieht. Und erst die Poeten selbst! Bei denen sind nicht nur * und † denkwürdig, sondern Wohnsitz, Ent- wie Verlobung, literarische und politische Freundschaften und überhaupt jeder Lebensumstand, den jemand denkwürdig finden mag. Unabhängig von, ja buchstäblich vor der Kenntnisnahme dessen, was der Bücherschreiber denn zu vermelden hat, wird beim Anführen von Daten der „vita“ bekräftigt, dass hier ein außergewöhnlicher Mensch am Werk war, der höchstpersönlich in übergreifenden Zusammenhängen steht. In welchen auch immer: die Aufmerksamkeit, die ihm zu widmen ohnehin beschlossene Sache ist, verdient er auch. Ihre Aufmerksamkeit für die Daten von Leben(sumständen) & Werk wickelt die Literaturwissenschaft als technisches Verfahren ab. Die Daten müssen dastehen und stimmen, fertig. Hier, und nur hier, kennt diese Disziplin die Kategorien richtig und falsch. Mit der gedankenlosen Genauigkeit korrekter Faktenwiedergabe staffiert sie ihr Selbstbewusstsein als Wissenschaft aus. Wo überhaupt keine Einsichten zu gewinnen sind, da präsentiert sie stolze Resultate „philologischer Forschung“, die dann das Klammer- und Fußnotenwesen bereichern. In dieser technischen Manier leitet sie das Interpretieren ein, und zwar mit einem gar nicht mehr mitgedachten, weil vollkommen selbstverständlichen Credo: „Es geht um mehr als um flüchtige Worte“. 2. Der Einstieg ins Interpretieren: mechanische Produktion des Interpretandums Wenn das ‚eigentliche‘ Interpretieren dann losgeht, verfügen Lehrlinge wie Meister sogleich über ein Arsenal fix und fertiger theoretischer Instrumente, deren Anwendung im Einzelnen beliebig ist, deren beliebiger Einsatz aber unweigerlich für die moralisch korrekte Haltung gegenüber dem Gegenstand sorgt. - Ist das vorliegende Werk noch eine Novelle oder schon ein Roman? Kann die ‚Erzählperspektive‘ in das Schema ‚auktorialer/personaler/Ich-Roman‘ eingeordnet werden? Offene oder geschlossene Form des Dramas? Aristotelisches oder episches Theater? Gereimtes oder reimloses Gedicht, Sonett oder Stanze in welcher Tradition? Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bei all diesen Fragen kommt es nicht auf die Antwort, sondern auf die Frage an. Es macht nämlich gar nichts, dass die meisten der gefragten Einordnungen gar nicht eindeutig vorzunehmen sind. Es ist auch egal, dass bei der Definition der abstrakten Formkategorien der größte Pluralismus herrscht – man bedient sich eben, wie es günstig erscheint. Die Leistung dieser Fragen besteht darin, dass sie ein besonderes Stück Literatur in ein Verhältnis setzen zu getrennt von ihm ausgedachten, ihm durch die Tat des Interpreten vorausgesetzten Möglichkeiten von Dichtung (Erzählung, Drama, Gedicht) überhaupt. Diese abstrakten Formkategorien figurieren damit als eine innere Gesetzmäßigkeit des interpretierten Textes, der dieser mehr oder minder gerecht wird. Die Mitteilung ‚kein auktorialer Roman‘ gilt da genauso als sachlicher Befund wie die Aussage ‚Novelle nach dem Muster der Falkentheorie‘, obwohl beide Male nur die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit eigenen vorausgesetzten Maßstäben vermeldet wird. Der Interpret sieht diese Sache so, dass er mit derartigen Vergleichen den Einstieg in die tieferen „Dimensionen“ des „Werks“ geschafft hat. Tatsächlich aber hat er mit den äußerlichen, subjektiven Vergleichen sich ein germanistisches Bedürfnis nach einer solchen „Dimension“, nach einer vom Wortlaut gar nicht mitgeteilten inneren Notwendigkeit desselben erfüllt. Dass dichterische Verlautbarungen auf jeden Fall eine tiefere Geordnetheit aufweisen, die durch „bloße“ verständige Kenntnisnahme nicht aufzudecken ist; dass sie eine innere Berechtigung haben, die nicht mit dem mitgeteilten Inhalt zusammenfällt, sondern über ihn hinausreicht, das ist das methodische Vorurteil, das durch die Anwendung der abstrakten Formkategorien inszeniert wird. Zu diesem Standpunkt braucht sich niemand zu bekennen. Schon gar nicht ist verlangt, ihn zu begründen. Das wäre auch ziemlich lächerlich. Schließlich walten in der Dichtung keine Notwendigkeiten, sondern das einzige logische Verhältnis in ihr besteht in der freien Absicht des Poeten, einen ihm gefälligen Inhalt anderen einnehmend vorstellig zu machen, und den diesem Zweck gemäß frei gewählten Darstellungsmitteln. In germanistischen Kreisen gilt das glatte Gegenteil: das „Werk“ darf sich bloß nicht in seinen Zweck und dessen Mittel auflösen! Der Dichter muss mehr gesagt haben als er gesagt hat! Wie gesagt: dazu braucht sich niemand emphatisch zu bekennen. Es reicht, dass man einige der dank 150jähriger germanistischer „Forschung“ vielfältig vorliegenden Formkategorien reichlich mechanisch und gedankenlos anwendet und den Standpunkt treudoof praktiziert. - Analog zu den Formkategorien kennt die Literaturwissenschaft historische Kategorien – literarhistorische wie andere –, deren kundige Anwendung sie von ihren Adepten erwartet. Stichwort Epoche: Bis zu welchem Werk steckt Goethe in der Schublade ‚Stürmer und Dränger‘ und ab wann muss ihn der Germanist unter ‚Klassik‘ einordnen? Stichwort Tradition: Thomas Mann ist ohne seine Rezeption von Nietzsche, Freud und Adornos Musikphilosophie nicht zu verstehen. Stichwort Sozialgeschichte: Gottsched hat in seinen Werken moralische Werte propagiert, die der frisch entstehende bürgerliche Markt zu seinem Funktionieren dringend nötig hatte; die deutsche Klassik ist ohne die Französische Revolution nicht denkbar, vor allem insofern als diese Revolution im Ausland stattfand und zu Hause unterblieb. Keine der Aussagen, die nach diesem Muster zustande kommen, beinhaltet einen Fortschritt des Wissens. Unter dem Stichwort Epoche werden von einer Reihe dichterischer Produkte gemeinsame Ideale und darstellerische Verfahrensweisen abgezogen und z. B. mit dem Namen „Sturm und Drang“ belegt; sodann werden dieselben Produkte dem „Sturm und Drang“ wieder zugeordnet, ohne dass man jetzt mehr wüsste als das, was mit „Sturm und Drang“ ohnehin schon gemeint war. Fertig ist der Zirkel und die Einleitung des Referats über den „Götz von Berlichingen“: er gehört auch dazu. Ja dann! In der geistesgeschichtlichen Traditionsdestille wird aufgezählt, wo eine Idee außerdem auch noch vorkommt. Was von ihr vernünftigerweise zu halten ist, darüber braucht nichts verlautbart zu werden. Das ist nämlich schon entschieden, und zwar durch das Verfahren und ganz ohne die Einmischung eines Urteils zur Sache. Wenn derselbe Gedanke bei Nietzsche (Freud, Adorno ...) und bei Thomas Mann vorkommt, mag er ein Quark sein – es muss sich aber zumindest um einen ehrwürdigen Quark handeln. Selbstverständlich kennen der Epochenbericht und die geistesgeschichtlichen Nachrichten nicht nur das geistlose, ganz äußerlich gemeinschaftsstiftende Verfahren der Analogie („Wie bei Nietzsche, so ...“), sondern auch dessen ebenso begriffsloses und subjektives Komplement, den Kontrast. „Im Unterschied zu Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen sieht Th. Mann hier ein historisches Element ...“ Das gibt es auch nur in der Germanistik, dass Ähnlichkeit ebenso gut wie Unähnlichkeit von Ideen immer für die Ehrbarkeit dieser Ideen und ihrer (angeblichen) Aushecker wie Abschreiber spricht. Das gedankenlose Katalogisieren von Merkmalen geistiger Inhalte und literarischer Verfahrensweisen wird ergänzt durch Verweise auf die „Realgeschichte“. Kriege vom Dreißigjährigen bis zum 2. Weltkrieg, Revolutionen, aber auch der „Markt“ tun da beste Dienste. Wie das angesprochene Verhältnis von Literatur und politischem oder ökonomischem Sachverhalt beschaffen sein soll, ist egal. Einmal – wie im zitierten Falle Gottscheds – kann die Literatur als dem Markt vorausgesetzte Bedingung gedacht werden, die mit ihrer Moralpropaganda den vertraglichen Warenverkehr erst ermöglicht. Das entgegengesetzte Verhältnis ist nicht minder gebräuchlich: Markt mit seinem materialistischen Zweckdenken treibt Schriftsteller in die gesellschaftliche Isolierung und bewirkt artistische Esoterik ... Was stört es Germanisten, wenn in „Ableitungen“ wie der letzteren die Welt für die Betrachtungsweise derselben durch die Dichter verantwortlich gemacht wird und der Poet als mechanisches Vollzugsorgan „gesellschaftlicher Entwicklungen“ figuriert – es geschieht ja aus bester Absicht! Wenn der bestimmte historische Sachverhalt, zu dem die Literatur in Beziehung gesetzt wird, wie der Inhalt dieser Beziehung ohnehin gleichgültig ist, dann kann man sich auch gleich mit stupiden Hinweisen auf zeitgleich Vorliegendes begnügen und sich auf die Demonstration der puren Absicht beschränken, da (irgend)eine Beziehung stiften zu wollen: Während 1835 die erste Eisenbahnstrecke in Deutschland eröffnet wurde, verfasste Grillparzer ... Bei den geistes- und „real“geschichtlichen Verweisen herrschen in der Literaturwissenschaft dieselbe Beliebigkeit und derselbe gedankenlose Schematismus wie bei der Anwendung der Formkategorien. Das ist kein Zufall. Wenn etwa im Falle von Schillers „Räubern“ a) die bürgerliche Revolution in der Form ihrer Nichtexistenz in Deutschland, b) die Epoche des ‚Sturm und Drang‘, c) Traditionen der Aufklärung, d) die Form der Tragödie als diejenigen Bedingungen in Anschlag gebracht werden, denen dieses Drama sich verdanke, dann sind mit a)-d) genaugenommen vier allgemeine, überpersönliche Kräfte behauptet, die sich ausdrücken wollten und dazu dem Jüngling Schiller die Feder führten. Dieser eklatante idealistische Unsinn geht durch, weil niemand auch nur eines der als ursächlich suggerierten Verhältnisse genau und ernst nimmt. Es sollen ja gar nicht wirkliche Voraussetzungen des Dramas ermittelt, sondern (denk)mögliche Voraussetzungen hypothetisch gesetzt werden. Da ist dann jede nur denkbare „Beziehung“, also jede erlaubt. Die Gewissheit, dass man mit keiner Verknüpfung ganz schief liegen kann, ist überhaupt nicht vom Inhalt der angegebenen Kräfte, Ursachen und Voraussetzungen abhängig. Umgekehrt wird ein germanistischer Schuh daraus. Jeder Kenntnisnahme etwa eines Dramas setzt die Germanistik die leere Idee seiner Berechtigung voraus. Dieses methodische Vorurteil, die Identität der Literatur bestehe in deren nur positiv nachzuvollziehender Notwendigkeit, bebildert sie, indem sie andere anerkannte Geistesprodukte, poetische Maschen und genauso gut „realhistorische“ Gegebenheiten zu Voraussetzungen, Ursachen oder Wirkungen des behandelten Dramas ernennt. Stets hat so ein phantastisches Gebilde die adäquate Reaktion auf eine relevante Gegebenheit, die Antwort auf vorausliegende ideen- und „real“historische Fragen zu sein, die seine Existenz in den Status der Notwendigkeit erheben. Erst wenn jedes dichterische Machwerk mit so einem „Hintergrund“ versehen ist, dann gibt es den Gegenstand germanistischer Geistestätigkeit ab. Mit der Erfindung solcher „Hintergründe“ kreiert diese Disziplin ihren Gegenstand. Und insofern es nur darauf ankommt, dass jedem Poetenschnörkel Hintergründigkeit bescheinigt und damit dem Interpretieren das Herumtreiben zwischen „Text“ und „Hintergrund“ zum Auftrag gemacht wird, ist der gedankenlose Schematismus der Hintergrundbildung schon vorprogrammiert. Der Lehrling der Zunft braucht ja nichts im Kopf zu haben außer die methodischen Leitlinie, irgendwo irgendwelche Voraussetzungen etc. herzubekommen. Mit dieser gedankenlosen Übung trägt er unfehlbar dem literaturwissenschaftlichen Bedürfnis Rechnung, dass jedes Stück Literatur in den logischen Kategorien von Bedingung & Voraussetzung, Ursache & Wirkung vorzukommen hat. Dieses Einsetzen in logische Beziehungen suggeriert dem Denken die Notwendigkeit, von der die Disziplin vorweg schon unbedingt überzeugt ist. Der Inhalt der jeweils angenommenen Beziehung ist da entschieden zweitrangig. Warum sollten die Azubis da sorgfältiger und redlicher sein als ihre Meister, die freihändig die verschiedensten Beziehungen stiften und über ihre unterschiedlichen Notwendigkeitsbehauptungen nicht einmal in wissenschaftlichen Streit geraten? Da ist die kriterienlose Orientierung an den gerade modischen Autoritäten – früher mal Lukács, dann Jauss, Adorno aber immer – wie das beliebige Abschreiben aus diversen Literaturgeschichten, immer unter opportunistischem Schielen auf die beurteilende Lehrperson, wirklich das gerechte Verfahren. II. Das Geschäft des Interpretierens oder: Die Produktivität der intellektuellen Liederlichkeit Gesetzt den Fall, die „Daten deutscher Dichtung“, ein Handbuch sowie eine Literaturgeschichte sind konsultiert, ein Satz möglicher Voraussetzungen ist erstellt, dem „Werk“ ist eine Hintergründigkeit verschafft. Dann kann das „eigentliche“ Interpretieren loslegen. Vom moralischen Steckenpferd ... Gert Mattenklott (FU Berlin) interpretiert den satirischen (!) Schelmenroman (!) „Schelmuffsky“ (1696!) von Christian Reuter (1665 -1712!), indem er auf die pränatale Geschichte des Protagonisten abhebt, die durch einen obskuren Vorfall zwischen dessen Mutter, seiner Schwester und einer Ratte gekennzeichnet ist. „Was also der Form nach tatsächlich, fein ordentlich, mit dem Anfang, also der Geburt des Helden, beginnt, ist alles andere als in Ordnung. Wir müssen vielmehr in der Ratte irgendeine belzebübische Schweinerei sehen, vermutlich von nicht gewöhnlicher Obszönität, schleicht die Ratte doch durch die Beine der Schwester in ein Loch, wovon die bereits schwangere Mutter in Ohnmacht fällt. 24 Tage liegt sie da nun, das ist, wie die Germanistik ermittelt hat, die Tragezeit der Ratte... Den Eindruck, daß es tierisch, satanisch und auch sonst nicht ganz anständig bei der Geburt zuging, scheinen auch die anderen Personen des Romans zu teilen. Denn wo immer der Held denn später die Geschichte von der Ratte erzählt, da zeigen die anwesenden Damen ein augenfälliges Interesse an Schelmuffsky, der Ratte und dem Blasrohr. So verspottet der Erzähler die chronikalische Ordnung des Erzählens, von Anfang und Folge, Ursachenlogik und nachfolgenden Verhältnissen, indem er die Ursache des Vorgehens durch ein pornographisches Symbol ersetzt, das nun nicht nur wie ein Leitmotiv des Romans ständig wiederkehrt, sondern zugleich auch in der Romanhandlung immer wieder als ein deftiger, rätselhafter Impuls vorkommt. Alles entwickelt sich zwar vom Anfang her, aber dieser Anfang ist ein abstruser Zufall. Zwar gibt es eine Kontinuität und Folgerichtigkeit der nachfolgenden Ordnung der Ereignisse, die folgt aber erstens aus der Erinnerung seines ersten Unfalls, oder aber, indem neue Abstrusitäten der erstgenannten Art ihn ereilen. Der Spott betrifft freilich nicht bloß die chronikalische Ordnung und die Logik von Ursache und Folge, die Rattengeschichte parodiert auch den Topos von der hohen Geburt der Romanhelden. So geht es hier zwar außerordentlich zu, aber doch nur außerordentlich unanständig.“ Es ist schon merkwürdig, worüber Germanisten sich wundern. Mattenklott wundert sich darüber, dass im „Schelmuffsky“ eine unanständige Geschichte ,anständig’, d.h. von Anfang bis Ende in chronologischer Reihenfolge erzählt wird. Wenn ein „pornographisches Symbol“ vom Autor als „Ursache des Vorgehens“ eingesetzt wird, dann kann Mattenklott darin gar keinen ,,fein ordentlich“ gemachten Anfang mehr erblicken. Der Interpret gebärdet sich hier wie eine Betschwester, für die ein Roman erst dann eine „folgerichtige Ordnung der Ereignisse“ hat, wenn Figuren und Ereignisse die moralische Ordnung respektieren. Dabei kommt es Mattenklott freilich nicht auf den bornierten Moralismus selber an, sondern auf dessen alberne Umkehrung. Er liest die Gleichung: ,geordnete Darbietung einer Handlung = moralisch einwandfreie Handlung’ andersherum und folgert, der Betschwester kongenial: Wenn die Handlung Obszönes enthält, dann kann es sich nicht zugleich um die geordnete Darbietung einer Handlung handeln; und wenn es sich doch darum handelt, dann ist diese literarische Ordnung ein Schein, hinter dem sich das Gegenteil verbirgt. So entkommt kein simpler Schelmenroman dem germanistischen Bedürfnis nach Hintergründigkeit aller Literatur. Die ,eigentliche’, tiefere Bedeutung, die Mattenklott dem ,,Schelmuffsky“ verpasst, besteht darin, dass durch seine negative Betschwesterlogik der Held etwas untergründig Subversives bekommt: eine jede Ordnung auflösende Kraft, die a) mit der „chronikalischen Ordnung des Erzählens“ und dem ,,Topos von der hohen Geburt der Romanhelden“ zwei romanübliche Gepflogenheiten zersetze, womit aber b) durchaus auf reale (Unter-)Ordnungsprinzipien und Machtverhältnisse angespielt sein soll. Dass der Romanheld es mit dem sexuellen Anstand nicht so genau nimmt, deutet der Interpret so, dass sein Erfinder damit insgeheim auch den erzählerischen Anstand von wegen „Anfang und Folge“ und damit auch gleich noch jeden Anstand und jede „Ordnung“ unterlaufen wollte. Diese Sichtweise des Romans rechnet damit, dass Germanisten Erzählregeln, moralische Gebote und Macht bedenkenlos in einen Topf werfen, wenn damit einem Roman eine halbwegs weltbewegende Leistung bescheinigt werden kann. Letztere soll darin bestehen, dass der „Schelmuffsky“ Mattenklotts Ideal von der unverwüstlichen Subjektivität schon 1696 ein literarisches Denkmal gesetzt haben soll. Diesem Ideal zufolge besteht die Welt einerseits aus lauter Angriffen auf die Subjektivität, namentlich durch Herrschaft, Moral, Vernunft und poetische Regeln (was alles als dasselbe zählt), andererseits einem Subjekt, das sich das Lachen, Singen, Faulenzen, Vögeln und Herumphantasieren (auch wieder alles dasselbe) nicht verbieten lässt und dergestalt noch in der praktizierten Unterordnung ein Stück ureigener Selbstbestimmung erhält. Vor allem in der phantastischen Welt der Literatur. Selbstredend teilen die Damen & Herren Kollegen wie die Studenten Mattenklotts schöngeistigen Edelspontaneismus nur ausnahmsweise. Trotzdem ist seine Interpretation in der Fachwelt anerkannt. Er erfüllt nämlich die Maßstäbe, auf die es beim Interpretieren ankommt: ... zum Hort aller Moralität ... - Sein Ideal einer ganz im Selbstbewusstsein liegenden individuellen Selbstbestimmung, die die praktische Unterwerfung um die Selbstinterpretation als freier Mensch trefflich ergänzt, ist als ideale Tugend des modernen Untertanen kenntlich. Ergo darf dieses Ideal als ein Wert, als immerhin eine partielle Verkörperung des Humanums gelten, das ,,wir alle“ ganz fraglos zum Anliegen haben. - Zum zweiten ,findet’ Mattenklott diesen seinen Wert immerzu in der Literatur. Das ehrt Mattenklott, insofern Mattenklott damit die Literatur ehrt. Wenn er sein persönliches moralisches Prinzipchen dort wiederentdeckt, dann besorgt er sich nicht bloß eine billige private Befriedigung, sondern er leistet damit einen Beitrag zur Literaturwissenschaft. Dieser besteht darin, dass er im Wertehimmel der Dichtung noch ein moralisches Sinnprinzip verheimatet hat. ... der Literatur schlechthin Gert Mattenklott ist nicht der einzige Literaturwissenschaftler, der ein moralisches Steckenpferd reitet. Ingrid Mittenzwei von der Goethe-Universität zu Frankfurt am Main liebt die Tugend der Demut, ihr Kollege Lepper hat es mit den Idealen der Demokratie usw. usf. Gemeinsam ist ihnen, dass sie keineswegs ihre persönliche Gesinnung in ihrem Privatleben pflegen und ansonsten Literaturwissenschaft treiben, sondern alle veranstalten ihre Literaturwissenschaft so, dass sie ihre moralischen Vorlieben in der Literatur unterbringen. Für Frau Mittenzwei besteht der rote Faden der ganzen Literaturgeschichte darin, dass das moralische Froschprinzip der Demut abwechselnd gefährdet und gewahrt wird. „Linke“ Literaturwissenschaftler besprechen - nicht nur, aber sehr gern - den Vormärz, Heinrich Heine, H. Manns „Untertan“ oder Brecht. Dass diese Autoren so ähnlich denken wie der Interpret, verschafft diesem nicht nur eine billige Befriedigung, sondern dieselbe wert und teure Aufgabe, die die eher konservativ gestimmten Kollegen auch beflügelt: Jeder macht sich mit seinem moralischen Anliegen an den „Nachweis“, dass die dichterische Botschaft unter den gegebenen literar- und ,,real“geschichtlichen Voraussetzungen eine berechtigte und notwendige war. Ob Frau Mittenzwei den Vernunftidealismus der Aufklärung bemüht, um den romantischen Irrationalismus - immerhin ein unversöhnlicher Widerspruch zum Rationalismus - als plausible Fortentwicklung in Richtung ,mehr Bescheidenheit beim Denken’ hinzustellen; ob der Lektüre des „Untertan“ eine Beschäftigung mit dem wilhelminischen Staat vorgeschaltet wird, die mit dem albernen Befund ,keine Demokratie’ den Wilhelminismus in einen einzigen Ruf nach H. Manns Roman umdeutet - stets stellt sich bei den Interpreten Zufriedenheit ein. In beiden Fällen ist das eigene moralische Ideal einem Stück Literatur(geschichte) als dessen sachliche Berechtigung, untergeschoben. Und selbiges Stück Literatur steht dann da als die leibhaftige Realisierung einer moralischen Notwendigkeit. Am Pluralismus des Interpretationswesens kann man ablesen, dass es für die Literaturwissenschaft gleichgültig ist, ob sich ihre Macher der Literatur mit reaktionären oder fortschrittlichen Werthaltungen „nähern“. Ob die Literatur als realisiertes Ideal der nackten Untertanentugend Demut & Bescheidenheit, als realisiertes Ideal des mündigen demokratischen Bürgers oder, wie bei Mattenklott, als realisiertes Ideal letztlich unverwüstlicher Subjektivität gedeutet wird - das bleibt sich in gewisser Hinsicht gleich. Diese gleichbleibende Hinsicht lautet: auf jeden Fall ist die Literatur das realisierte Ideal, egal, welchen Inhalt es haben mag. Dieses Credo einigt die „Reaktionären“, die „Fortschrittlichen“ und die breite „Mitte“ wirklich. Diese methodisch abstrakte und darin bedingungslose Wertschätzung der literarischen Künste ist vorausgesetzt, damit das Unterbringen eigener moralischer Steckenpferde in der Literatur respektive das Suchen nach dichtenden Gesinnungsgenossen, auch wenn die längst verblichen sind, überhaupt als lohnend erscheint. So leistet dann jeder Interpret mit seinem speziellen moralischen Spleen ganz selbstbewusst einen Beitrag dazu, die Literatur schlechthin als den wirklichen Ort aller Werte, als die existente Sphäre des Humanums hochleben zu lassen. Dass es die Literatur gibt, erscheint so wie der wahr gewordene Seufzer der Zufriedenheit: Was will der Mensch mehr! Literatur - schöne Abrundung einer weniger schönen Welt! Wenn es nur um die kulturpflegerische Würdigung der Sphäre geht, die durch das dichterisch gesetzte Wort abgesteckt ist, und wenn die prinzipielle Wertschätzung dieser Sphäre als des wirklichen Orts aller moralischen Desiderate ohnehin außer Frage steht, dann ist dieser selbstzufriedene Zirkel auch ohne Bemühung bestimmter moralischer Ideale zu haben. In einer fortgeschrittenen Literaturwissenschaft wird dieses Loblied ohne den Anschein eines damit verbundenen Anliegens gesungen, weshalb sich neben der Dummheit und Eitelkeit die ödeste Langeweile breit macht. Zwei Beispiele, mit deren Methode sich jede beliebige germanistische „Arbeit“ stricken lässt. „Die Projektionen des Romans sind Ausdruck einer Mangelerfahrung, Reflex auf eine unpoetisch gewordene Gegenwart, in der es die so dargestellte Natur nicht mehr gibt.“ (Prof. Pickerodt, Marburg, über einen romantischen Roman) Die Fertigungsschritte dieses Gedankengebäudes im Einzelnen: 1. Dementi, dass die Gedanken des Romans das subjektive Produkt seines Autors sind. Zwar sind Gedanken immer subjektive Produkte ihres Urhebers, und das macht normalerweise auch nichts: man kann ja ihren Inhalt auf seine Allgemeinheit überprüfen und sie je nachdem akzeptieren oder verwerfen. Nicht so bei Dichtern. Deren Auffassungen muss getrennt von jeder Überprüfung Allgemeinheit zukommen. Das ist ein methodisches Prinzip, d. h. der Interpret will die Auffassungen des Romans weder mit Gründen ablehnen noch sie für sich akzeptieren, sondern er sucht nach Umständen, unter denen sie relativ - oder „historisch“ - gültig sind, will also vor allem selber der Meister aller Gültigkeitsbescheinigungen bleiben. 2. Behauptung, dass ,,die Projektionen des Romans“ Wirkungen der Realität sind. Zwar kann die Realität keine literarischen Einbildungen kreieren. Aber der Interpret setzt nur deshalb die Realität der Literatur voraus, um dieser pauschal einen reellen Gehalt zu bescheinigen und das Verhältnis sofort umzudrehen: 3. Definition der Realität als „unpoetisch“. Die Realität immerhin des beginnenden Kapitalismus soll darin ihren Kern haben, dass es in ihr nicht zugeht wie in romantischen Romanen. Logisch gesehen kann eine nicht vorhandene Qualität der „Gegenwart“ auch nichts bewirken. Literaturwissenschaftlich ist das Weltbild aber wieder in Ordnung: Die entscheidende Eigenschaft der Realität besteht in ihrem Verhältnis zur Poesie. In angeführter „Gegenwart“ mangelt es an Poesie, also mussten die Romantiker so poetisch dichten wie sie es taten. Und: mit der romantischen Poesie ist die Realität eine runde Sache. Einen Moment lang lässt der Interpret die Literatur sich radikal um die Welt drehen, damit sogleich die Welt sich um die Literatur dreht und in dieser ihren Nabel hat. Es ist im Prinzip dasselbe, wie wenn ein anderer H. Mann als Kritiker des Wilhelminismus lobt, den ersten deutschen Imperialismus in diesem Sinne der autoritären Herrschaft, der Ausbeutung und seine Bürger des Untertanentums bezichtigt, damit die schlechte Gesellschaft ihrem Kritiker Recht gibt und wieder einmal gesagt ist, dass in der Literatur je schon der Ausgleich jedes Mangels der Wirklichkeit vorliegt. Nur ist in der Manier Pickerodts die Heuchelei, mit H. Manns demokratischen Idealen einer Realität kritisch zu Leibe rücken zu wollen, als überflüssiger Umweg ausgelassen. Auch nicht zum Schein braucht sich der Interpret für ein Ideal und gegen eine davon abweichende Realität auszusprechen. Es reicht, wenn er zielstrebig auf den Kern seines Anliegens zusteuert und sich versichert, dass wie immer, so auch dieser Zustand von Ausbeutung und Herrschaft in dieser literarischen Richtung seine adäquate moralische Antwort gefunden hat. Und in Gestalt von „Reflexen“ auf Ausbeutung und Gewalt, die durch sein Zutun zustandekommen und so zufriedenstellend ausfallen wie es ihm gefällt, sind dem Interpreten alle Gewaltzustände Anlässe feinsinnigen Goutierens. Von einer Sinnhaftigkeit in die andere Über den Roman der Aufklärung teilt Dieter Kimpel, Frankfurt, Folgendes mit: „Für die aus der fraglosen Sinnhaftigkeit des alten Mythos (Epos) emanzipierte Romanepik wird die damit aufbrechende Differenz von Dinglichem und Personalem, Natur und Geschichte, Immanenz und Transzendenz insoweit zum Problem, als die sich zugleich einstellende Forderung, den Erzählgegenstand und seinen Sinn unter dem nun konstitutiven Prinzip des Zeitlichen neu zu bestimmen, der Romanform die Schicksalsfrage stellt... Im Bewußtsein ihrer Fragwürdigkeit finden die Gedanken darüber, wie der Schriftsteller den anstehenden Aporien entkommen könnte, stärksten Ausdruck in der frühromantischen Spekulation auf die Möglichkeit der ,neuen Mythologie’.“ (Dieter Kimpel: Roman der Aufklärung) Es kann nicht bestritten werden, dass die Dichter private Ereignisse vom Abendspaziergang im Mondschein oder Glück und Pech in der Liebe über alltägliche Abhängigkeiten und Pflichten sowie jede Form von Ausbeutung bis hin zu welthistorischen Ereignissen als bloße Zeichen behandeln, die auf darunterliegende ideelle Prinzipien und Sinngehalte verweisen, wodurch dann im Hinblick auf diese Prinzipien alles und vor allem das Widrige seine Ordnung und seinen guten Grund hat. Dieser billige Zufriedenheit stiftende Sinn-Wahn ist aber noch lange kein vernünftiger Grund, auf diesen Wahnsinn noch eins draufzusatteln, den bedichteten Wertehimmel auch noch wissenschaftlich zur eigentlichen Realität und die schnöde Wirklichkeit von Ökonomie und politischer Gewalt zum Problemlieferanten und Stichwortgeber für die Fortentwicklung der letzten Menschheitsprinzipien zu erklären. Letzteren Unsinn sieht die Literaturwissenschaft aber als ihre Aufgabe an. Wie die angeführte Passage beweist, hat es Dieter Kimpel darin weit gebracht. In seinen Augen beschreibt der Aufklärungsroman einen Kreis vom Mythos (alt, mit fragloser Sinnhaftigkeit, aber nicht mehr glaubwürdig) zum Mythos (frühromantisch, Spekulation auf seine Möglichkeit, also noch nicht ganz glaubwürdig). Im Verlauf dieses Zirkels treten Mythos/Epos/Epik = Roman in „Aporien“ auseinander, die sich wieder zum „Prinzip des Zeitlichen“ zusammenfassen und der „Romanform“ = dem Geschichtenerzählen als solchem „die Schicksalsfrage“ stellen. Der Vorteil dieses Prinzipienkarussells besteht darin, dass die Prinzipien keinen Inhalt haben, sondern leere Gegensatzpaare darstellen, die nur durch ihr Gegenstück den Anschein einer Bedeutung bekommen. Das „Dingliche“ gibt es nicht, es sei denn, man denkt das „Personale“ hinzu, welches dann alles das ist, was nicht „dinglich“, und umgekehrt. Mit „Immanenz und Transzendenz“ verhält es sich genauso, und auch „Geschichte“ heißt nicht mehr als „nicht Natur“. Kimpels Gegensatzpaare haben nur innerhalb seines Satzes einen Gehalt. Das ist ein rhetorischer Trick. Gerade die Inhaltsleere der abstrakten Gegensatzpaare transportiert den Anspruch, dass in ihnen wirklich alles Relevante mitgedacht ist, z. B. Aufklärung, Säkularisierung durch Vernunftstreben, Auflösung der Standesschranken. Das ist es auch, und zwar insofern, als alte und neue Weltanschauungen, Veränderungen der Herrschaft und Ökonomie, eben unterschiedslos alles in den großen Topf geschmissen ist, der nach Übereinkunft der Zunft die Voraussetzungen und Wirkungen enthält, durch die die Sphäre der „Sinnhaftigkeit“ sich selber fortwälzt. Der entschlossene Unwille, Realität, Moral und literarische Fiktion auseinanderzuhalten, ist da eine glückliche Verbindung mit der Anmaßung eingegangen, die Substanz der Realität selbstverständlich in den literarischen Fiktionen zu erblicken. Von deren stets erneuerter Selbstfortpflanzung präsentieren Kimpels bescheuerte Gegensatzpaare ein Bild, dessen Botschaft schon rüberkommt. Lauter inhaltslose Vorstellungen, deren wechselseitiger Verweischarakter das Drängen auf harmonischen Ausgleich vorstellig macht, sollen sich entzweit und damit den Schriftstellern den Auftrag erteilt haben, durch Fortsetzung der „Romanform“ diese Harmonie wiederherzustellen. Selbst wenn Kimpel einen einzigen Schriftsteller namhaft machen könnte, der wirklich das Anliegen gehabt hätte, unter dem „nun konstitutiven Prinzip der Zeitlichkeit“ erst recht die „fraglose Sinnhaftigkeit des alten Mythos (Epos)“ hochleben zu lassen, dann wäre seine Sichtweise immer noch ein starkes Stück. Er stellt nämlich diesen Zweck, den es nur als idealistisches Anliegen geben kann, als eine Tatsache hin, die allen Absichten von Literaten vorausgesetzt ist und diese bedingt. In Kimpels Sicht der Dinge bedingt das ,,Prinzip der Zeitlichkeit“ den Aufklärungsroman, indem die Schriftsteller sich ihm stellen und ihm gerecht werden. Einerseits können sie gar nicht anders, da Kimpel sie ja unter dieses Gesetz des Schriftstellerns nach 1700 gestellt hat. Andererseits braucht der Literaturhistoriker keinen einzigen Romaninhalt anzuführen, um jeden Dichter mit der Auszeichnung zu versehen, er sei jedenfalls ein verantwortungsvoller Zulieferer für das Zeughaus, in dem alle passenden ,Weiß-Warums’ und ,Was-willst-du-mehrs’ aller Zeiten aufbewahrt werden und ,,der Mensch“ resp. das Humanum seine Heimat hat. III. Fazit Die konstituierende Idee des Universitätsfaches Literaturwissenschaft besteht in einer moralischen Idiotie des selbstbewussten Untertanen, die am Gegenstand der Literatur professionell zur universellen Weltanschauung wie zum individuellen Sinnprogramm ausgestaltet wird. Welches moralische Individuum beherrscht nicht die Übung, seine Benutzung durch die maßgeblichen Instanzen als Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, als wahrgenommene Freiheit, auferlegtes Schicksal, Dienst an einem übergeordneten Höheren - kurz: als notwendige Konsequenz ideeller Prinzipien zu interpretieren! Dem Bedürfnis von Mitmachern, sich den Gang von Geschäft und Gewalt und wie man selber darin verplant ist als irgendwie vernunftgemäße, der freien Einsicht zugängliche Notwendigkeit zurechtzulegen, diesem Bedürfnis haben die Dichter jederzeit Material zur Selbstbeschäftigung verschafft, indem sie sich für dieses oder jenes Ideal begeisterten oder ihre Ergriffenheit von der Erhabenheit oder Abgründigkeit jener letzten Prinzipien versifizierten. So passt dann Eichendorff in den Schützengraben, während mancher oppositionell gestimmte Jugendliche vor Freude über das Vorliegen oppositioneller Wortspiele von Brecht oder Heine furchtbar zufrieden wird, zuerst mit den Dichtern, dann mit sich und darin auch schon mit der Welt. Diese Brauchbarkeit der Literatur für das moralische Bedürfnis, trotz allem und mit allem zufrieden zu sein, macht den Inhalt des germanistischen Sorgerechts für die Literatur aus. Dass alles, was ein Mensch vernünftigerweise erstreben kann, in der Literatur bereits vorliege, das ist die Unterstellung, die Germanisten machen, wenn sie sich den Dichtwerken mit einem derartigen theoretischen Aufwand widmen, und das ist zugleich der ganze Beweiszweck der Veranstaltung. Diesem - und nur diesem - Standpunkt ist es adäquat, jeden bedichteten (Un-)Sinn mit allen sozial-, ideengeschichtlichen und poetologischen Registern einen Berechtigungsnachweis nach dem anderen zu verpassen und hemmungslos mit der schlechten Welt für die Güte der ideellen Kompensationen zu werben. Anders als ein Normalmensch, der ja auch seine Faustzitate kennt, hebt ein professioneller Literaturwissenschaftlicher nicht bloß bei Gelegenheit aus der Welt der realen Anforderungen und Unterordnungen in die Sphäre der höheren Ordnungen ab. Diese Sphäre macht gleich den ganzen Umkreis seines Interesses aus. Praktisch hält er das Geisterreich, wo der Untertan sich mal zufrieden stimmt, wo unbefangenes Denken als kalte Inhumanität und Dummheit als Geist gilt, für den Nabel der Welt. Dass sein Treiben an Schulen und Universitäten zur staatlichen Institution geworden ist, gibt ihm in seiner Einbildung recht. So erfüllt die Literaturwissenschaft als Veranstaltung insgesamt den Tatbestand der systematischen Verkehrung von Wichtig und Unwichtig. Sie macht nicht nur Fehler. Sie ist einer. www.sozialistischegruppe.de/hefte/2007/Literaturwissenschaft.txt