Skandal um die ‚moralische Großmacht’ Günter Grass: Der Dichter, die Waffen-SS, das lange Schweigen, das Häuten einer Zwiebel und die verlorene Ehre des Oskar Matzerath Mit dem ‚Häuten der Zwiebel’ kündigt Günter Grass – metaphorisch, versteht sich – an, Schicht für Schicht seiner vielschichtigen Persönlichkeit offen zu legen. Keine biografisch bedeutsame Bege­benheit soll geschont werden. Da stilisiert sich nicht einer, der von Anfang an den ‚geraden Weg’ gegangen ist. Da präsentiert sich vielmehr einer, der nach seiner ideologischen Desorientierung durch den ‚Zusammenbruch’ einige mühevolle Jahre der Sinnsuche und Selbstfindung durchleben musste, um nach und nach zu einem berühmten Künstler und vorbildlichen Demokraten zu werden. Das betont ehrliche Bekenntnis zu den Schattenseiten eines Lebens in schwerer Zeit soll die Glaub­würdigkeit der Selbstauskunft erhöhen. Aber: Grass’ persönlicher Bildungsroman ist offenbar noch nicht zu Ende. Im greisen Alter muss er nun die Erfahrung machen, dass man es mit der Ehrlichkeit auch zu weit treiben kann. Dann hebt sie gar nicht mehr die Glaubwürdigkeit, sondern verdirbt sie. Was ist geschehen? Grass bekennt in seinem autobiografischen Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ und in vorab gegebenen Interviews, dass er in den letzten Kriegsmonaten nicht, wie er bislang glau­ben ließ, als ‚glühender kleiner Nazi’ bei der Flugabwehr, sondern bei der – „Es musste raus!“ – Waffen-SS gedient hat. Grass? Waffen-SS! Das lässt aufhorchen. Ein Glück, dass der Elite-Nazi noch ein ‚kleiner Nazi’ von 17 Jahren war. Das macht die Schmach verzeihlich. Eine Jugendsünde. Warum aber das lange Versteckspiel? Hatte die Öffentlichkeit nicht das Recht zu wissen, dass „un­ser großer National­dichter“ (Die Welt, 14.8.06), der sich immerzu als „moralischer Scharfrichter der Na­tion“ (Spiegel, 21.8.) hervorgetan hat, selbst keine ganz weiße Weste hat? Jahrzehntelang hat Grass die deutsche Gesinnungskultur entnazifiziert, schwang die Moralkeule gegen jeden nationalen Verant­wortungsträger, der irgendwie ins Dritte Reich verstrickt war. Und jetzt stellt sich auf ein­mal her­aus, dass der Saubermann selbst eine kleine SS-Vergangenheit unbewältigt ein halbes Leben und eine ganze Karriere lang mitgeschleppt hat. Dieser Widerspruch ist gut für ein Skandälchen im öf­fentlichen Leben der Republik und für ein großes Trara in den illustren Kreisen des nationalen Feuilletons. Zu bewältigen ist die pikante Frage: Legt sich der ‚Mief der Heuchelei’, den Grass der Nation bei jeder Gelegenheit vorgehalten hat, auf den „Blechtrommler“ (Spiegel, 21.8.)? Das weite Feld des Günter Grass: der nationale Wertehimmel und seine kritische Pflege Kritisch-Sein ist Grass’ Markenzeichen: „Keine Ungerechtigkeit der Welt war vor sei­ner Geißelung sicher, keine Debatte lief ohne ihn.“ (Stern, 17.8.) Ideelle Amtsanmaßung ist das bevorzugte Stil­mittel seiner ‚Wortmeldungen’: „Ganze Regierungsprogramme hat Grass in seinen Interviews entworfen, Kataloge mit dem, was zu tun und zu unterlassen ist … Er gerierte sich als allzustän­diger Aufsichtsratsvorsitzender der SPD. Und man kann das getrost auf das ganze Land über­tragen.“ (Spiegel, 21.8.) Solche Nervensägen werden im politkulturellen Leben einer Nation offen­bar dringend gebraucht. Wie sonst würde so einer zur „moralischen Ikone“ (SZ, 19.8.) und sogar zum inkarnierten „schlechten Gewissen der Republik“ (Stern, 17.8.) aufsteigen? Auch die allsei­tige Anteilnahme an der gegenwärtigen dosierten Demontage der Ikone verweist auf die bedeutende Rolle, die eine moralische Selbst-Vergewisserung, eine Selbstbespiegelung im Lichte fraglos anzuer­kennender Werte in einem modernen, aufgeklärten Gemeinwesen spielt. Dieses weite Feld der natio­nalen Moralität ist mit dem altmodischen Begriff ‚Überbau’ immer noch am treffendsten charakte­risiert: Getrennt von allen hässlichen Gegensätzen des marktwirtschaftlichen Alltags und den Härten des sprichwörtlich ‚schmutzigen’ Geschäfts der Politik pflegt die Nation von sich das erhebende Bild einer auf edle Werte gegründeten und edlen Werten zugetanen Gemeinschaft. Sie will sich nicht darauf verlassen, dass die Leute kraft des stummen Zwangs der Verhältnisse, also bloß notge­drungen ihre Rechte wahrnehmen und ihren Pflichten nachkommen. Kein Mitglied dieser ima­ginierten Gemeinschaft soll bloß pragmatisch als Arbeitgeber, Arbeitnehmer oder Arbeitsloser, als Vermieter, Mieter oder Obdachloser, als Händler, Kunde oder Ladendieb sein Leben fristen. Ein demokratisches Gemeinwesen legt großen Wert auf den freien und gleichzeitig unbedingten, d.h. gegenüber dem Ertrag des Mitmachens gleichgültigen Willen seiner Insassen zu ihm. Das erfordert eine Gesinnung, in welcher der Mensch die Nation jenseits der Gegensätze, die sie ausmachen und die ihm zu schaffen machen, als seine Nation auffasst und sich als gleichbe­rechtigter und gleichwertiger Teil der nationalen Gemeinschaft versteht. Gefragt ist ein Ideal von der Nation, das nicht schnödes Geschäft als ihren obersten Da­seinszweck ausweist, sondern hohe Werte, die jeder teilen kann und als deren Teilhaber jeder Ehre einlegen kann. Ist die Klassengesellschaft erst einmal in eine nationale Wertegemeinschaft übersetzt, kann sich je­der noch so kleine Volkskörper in ihr beheimatet fühlen. Er braucht ‚nur’ der alltäglichen gesell­schaftlichen und politischen Realität voller Gemeinheiten des wechselseitigen Sich-Fertig-Ma­chens ihre Ideale als ihr eigentliches Wesen entgegen- und zugute zu halten. Dieses ‚Nur’ bedarf je­doch, soll es gelingen, der ständigen Betreuung. Das ist das Geschäft von großen Geistern wie Günter Grass: Ihr Metier ist Kritik von ‚Missständen’ im Namen der besagten Werte und Ideale. Alles, was Politiker in Gesetzesform unter die Leute bringen, alle ‚Zumutungen’ und ‚Wohltaten’ befragen sie danach, ob sie als Dienst oder Bärendienst im Hinblick auf die Verwirklichung des nationalen Wertehimmels anzusehen sind. Alle unschönen Erscheinungen der Klassengesellschaft, die so gar nicht ins Bild des Schönen, Guten und Wahren passen wollen, verharmlosen sie damit systematisch zur bloßen Abweichung von dem, was nach allgemeiner Übereinkunft eigentlich gilt bzw. gelten sollte: „Grass sagte, was gut und böse ist. Und alle hörten zu. Die einen, um sich aufzuregen. Die anderen, um Halt zu finden in einer Welt voller Grauen.“ (Stern, 17.8.) Eine aufschlussreiche Auskunft: Gerade das Schlechte einer ‚Welt voller Grauen’ beflügelt das idealistische Bedürfnis nach dem Guten und seinen menschlichen Inkarnationen. Das ist der Sumpf für große Dichtung und verlogene Wahrheiten. Grass’ politische Passion: Tätige Vergangenheitsbewältigung zum Lob der Demokratie Das Bedürfnis nach einer Idealisierung der Nation bedeutete für den bundesrepublikanischen Rechtsnachfolger des Dritten Reiches auch die Konstruktion und Pflege eines affirmativen Selbstbildes der Na­tion gegen ihre braune Vergangenheit. Gegen die ihr hochoffiziell zugesprochene Alleinschuld an einem verbrecherischen Weltkrieg und einem bei­spiellosen Genozid galt es, das Bild von der deutschen Nation als einer edlen Werten verpflichteten Gemeinschaft neu zu begründen bzw. zu verteidigen. Dem dient die Vergangenheitsbewältigung, seit es sie gibt. In diesem Bereich der nationalen Selbstbespiegelung hat Grass sich jahrzehntelang als Exponent einer offensiv-selbstkritischen Variante hervorgetan. Die simple Dialektik seines An­tifaschismus: Die einsichtige und reuevolle Verurteilung dieses Jahrzwölfts der Nationalgeschichte als unverzeihliche Missetat, die das Volk als kollektives Kontinuum sich zurechnen muss, ist schon die gründliche Besserung und belegt unschlagbar die Bekehrung Deutschlands zu den Idealen von Demokratie, Freiheit und Humanismus. Leute wie Grass legen ihre ganze Ehre darein, ‚nichts zu beschönigen’ und sich von niemandem in der Abscheu gegen die ‚Verbrechen Hitlers’ übertreffen zu lassen. „Wie besessen gab er vielem von dem, was er sagte, einen Bezug zum Dritten Reich.“ (Spiegel, 21.8.) Demonstratives Schämen und öffentliche Selbstanklage zur Überwindung der Anklage der Nation. Grass hat diesen Standpunkt nicht nur zur schöngeistigen Literatur geformt, sondern auch als tätige Reue öffentlich betrieben. Zeitlebens hat er ‚gegen das Vergessen und Verdrängen’ ange­schrieben und angestänkert, ist mit lautstarken Anklagen dafür eingetreten, dass ‚belastete Per­sonen’ nicht schon wieder ‚Verantwortung tragen’. - So adressiert er etwa 1965 einen seiner unzähligen offenen Briefe an den damaligen Kanzler Ludwig Erhard. Es geht um die anstehende Verlängerung der Verjährungsfristen für Mord, ohne die Naziverbrecher ab da straffrei gewesen wären, und die Erhard zunächst ablehnte: „Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, treten Sie bitte zurück.“ Und weiter: „Die Bürger der Bundesrepublik haben, solange ihr Staat besteht, noch nie solchen Anlass gehabt, Scham zu zeigen.“ - Erhards Amtsnachfolger, Kurt Georg Kiesinger, empfiehlt er 1966, gar nicht erst als Bundes­kanzler anzutreten: „Sehr geehrter Herr Kiesinger, bevor Sie morgen zum Bundeskanz­ler gewählt werden, will ich einen letzten Versuch unternehmen, Sie zur Einsicht zu bewegen … Wie sollen wir der gefolterten und ermordeten Widerstandskämpfer, wie sollen wir der To­ten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn Sie, der Mitläufer von damals, es wagten, heute hier die Richtlinien der Politik zu bestimmen.“ - Anlässlich des gemeinsamen Besuchs des Bundeskanzlers Helmut Kohl und des ame­rikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg 1985 wirft er diesem Kanzler „Geschichtsklitterung“ vor, weil der die Schuld der dort unter anderen bestatteten – ausgerechnet! – Waffen-SS-Leute verharmlose. Grass besteht demgegenüber dar­auf, dass „Unwissenheit nicht freispricht. Sie ist selbst verschuldet, zumal die besagte Mehr­heit wohl wusste, dass es Konzentrationslager gab … Alle wussten, konnten wissen, hätten wissen müssen.“ An Leuten, die die Richtlinien der bundesrepublikanischen Politik bestimmen, interessiert Grass hauptseitig eines: ihre weiße Weste be­züglich des Dritten Reiches. Sein Thema ist die demokratische Glaubwürdigkeit der obersten Staatsdiener. An der Bundesrepublik macht ihm dementsprechend lediglich die – surreale – Möglichkeit Sorgen, dass sie faschistisch rückfällig werden könnte. „Ist uns die Wiederholungstat in Runenschrift vorgeschrieben?“ fragt er ominös. Und in deutschen Waffenlieferungen an den Irak 1991 sieht er seinen Verdacht auch schon bestätigt: „Nun schließt sich der Kreis. Nun ist diese jüngere, nachwachsende Generation mitverantwortlich für etwas, was auf der Wannseekon­ferenz 1942 begann und jetzt in gewisser Weise eine Fortsetzung findet.“ Die Botschaft all dieser ‚öffentlichen Einsprüche’ ist immer gleich und immer gleich affirmativ: Die Bundesrepublik ist ihrem Wesen nach ein so gutes, vom Faschismus geläutertes Staatswesen, dass nicht einmal ihr oberstes Füh­rungspersonal zu ihr passt. Vor lauter Begeisterung für die hohen Werte der Republik schämt er sich – öffentlich, versteht sich – für ihre Kanzler. Eine so gnadenlos gute Meinung über ‚ihren’ Staat hat vielen seiner Bürger ebenso aus der Seele gesprochen wie die davon abgeleiteten Polemiken gegen unwürdige Verantwortungsträger. Beides war aber auch Anlass für böse Feindschaften gegenüber dem „Moral-Apostel“ (Spiegel, 21.8.). Und zwar von patriotischen Leuten, die seine Art der Vergangenheitsbewältigung als verräterische Nestbeschmutzung empfanden und den Beweis antraten, dass der nationale Idealismus keineswegs ein Privileg ‚der Linken’ ist. Die Gegner des antifaschistischen Patriotismus bzw. der moralischen Läuterung durch Kniefall sind nicht minder auf eine moralische Ehrenrettung der Nation aus, können aber mit der Dialektik von Reue und Rehabilitierung nichts anfangen. Sie entdecken in der Verurteilung des Faschismus als Fehltritt der Deutschen nicht das Bekenntnis zur Nation als mo­ralischer Veranstaltung und die Idealisierung der demokratisch verfassten Bundesrepublik, son­dern Verrat. Diese Vergangenheitsbewältiger weisen jede Kollektivschuld zurück. Sie bereuen nicht und sie schämen sich für nichts. Sie trennen einfach die Nation von der ‚Nazi-Herrschaft’ und rechnen die Schuld ganz der ‚braunen Verbrecherbande’ zu, die eben nicht die Nation zu ihren kriegerischen und rassehygienischen Großprojekten hinter sich vereinigen konnte, sondern le­diglich das Volk verführt und den ‚Namen Deutschlands’ missbraucht hat. Was als Schuld von ‚Mitläufern’ dann noch übrig bleibt, rechnen sie locker gegen die Schuld auf, die ohnehin jede Nation auf ihrem Konto hat, und fertig ist die historische Kontinuität einer im Kern stets guten und ihrem guten Kern stets treu ge­bliebenen Volksgemeinschaft. Die Konkurrenz moralischer Weltbilder und der Bedarf nach moralischen Autoritäten Der Witz an dieser Rivalität zweier Geschichtsbilder ist das, was sie eint: Beide rücken die gegen­wärtige Nation ins rechte Licht. Insofern ist der Streit zwischen den beiden Moralismen zur deut­schen Vergangenheit ein schönes Exempel dafür, wie die moralische Selbstbespiegelung in einer pluralistischen Demokratie läuft. Es sind die definierten Probleme und Anliegen der Nation, die den Stachel zu ihrer Idealisierung im Lichte höherer Gesichtspunkte bilden. Natürlich entstehen so verschiedenartige Ideologien zur Lage der Nation. Das tut der Sache jedoch keinen Abbruch. In der Frage, wie sich der idealistisch erzogene Bürger seine Lage bzw. die ‚seiner’ Nation jeweils zurechtlegen will, ist eine ge­wisse Bandbreite des pluralistischen Meinens und Interpretierens nicht nur erlaubt, sondern sogar nützlich. Die mun­tere Rivalität gegensätzlicher moralischer Selbstinterpretationen und ihrer Exponenten bestimmt das geistige Leben einer Nation und überführt politische und gesellschaftliche Gegensätze systematisch in nationale Gewissensfragen. Soll der moralische Diskurs einer bürgerlichen Öffentlichkeit ein gedeihlicher sein, muss der schöne Schein des Kapitalismus und der staatlichen Gewalt, die ihn verwaltet, verbindliche Ausdrucksformen finden. Sachbezogene Argumente kommen dafür nicht in Betracht. Es geht ja gerade darum, sich von objektiven Urteilen über das reale Ge­meinwesen in Richtung erhebender Gesichtspunkte zu verabschieden, um auf diesen lichten Höhen Meinungen zu bilden und auszutauschen. Also werden Sprachrege­lungen eingebürgert, in denen die moralische Überhöhung von gegensätzlichen Interessen und poli­tischen Antagonismen zu festen Formeln gerinnt. Das vermittelt dem Bürger Sinn und Orientierung und sorgt dafür, dass die moralische Meinungsvielfalt ihren Konnex zu den politisch definierten Problemen und Zielen der Nation nicht verliert. Auf diese Weise kommt es zu einem Phänomen, das nur vordergründig be­trachtet widersprüchlich erscheint: Die bunte Vielfalt der Meinungen, die in allen Kommentaren und Diskussionen immerzu als ganz persönliche und ureigene vorstellig gemacht werden, reduziert sich regelmäßig auf einige wenige, allgemein bekannte Stereotypen. Dazu gehören z.B. schönfärbe­rische Synonyme wie ‚Antiterrorkrieg’ für die amerikanisch betriebene Neuordnung der Welt oder ‚Friedensprozess’ für den israelischen Dauerkrieg im Nahen Osten oder auch ‚Globalisierung’ für die unwidersprechliche Notwendigkeit einer schonungslosen Standortpolitik. Konkurrierende poli­tische oder gesellschaftliche Interessen und Vorhaben treten immer gleich mit festen moralischen Referenzen auf. Wenn man etwa in Berlin ehrgeiziger, also gewalttätiger in weltpolitischen Ord­nungsfragen mitmischen will, heißt es, man könne sich ‚der gewachsenen Verantwortung als potente Mittelmacht nicht länger entziehen’, muss andererseits jedoch ‚wegen der deutschen Geschichte mit besonderem Bedacht’ vorgehen. Wird das nationale Lohnniveau gesenkt, um den Geschäftsstandort aufzumöbeln, dient das der ‚Erhaltung unserer Arbeitsplätze’; andererseits soll sich ‚Leistung wei­terhin lohnen’. Werden die Kosten für Gesundheit privatisiert oder die des Arbeitslosenheeres her­untergefahren, dient das der ‚Gerechtigkeit zwischen den Generationen’, andererseits muss für den verdienten Arbeitsmann ‚Gesundheit bezahlbar’ und ein ‚Alter in Würde möglich’ bleiben. Und so weiter. Kein Interesse, das sich nicht in Form stan­dardisierter Werte-Bezüge vorträgt – und umge­kehrt darauf festgelegt ist. Das sorgt dafür, dass kein politischer Streit und noch nicht mal eine triviale Talkshow aus dem Rahmen fallen. Solche Sprach- und Denkregelungen wollen erfunden und in Umlauf gebracht sein. Das schaffen nur Leute, die nicht bloß das Moralisieren beherrschen – das kann jeder –, sondern damit öffent­lich Ein­druck machen und dem Moralismus des Gemeinwesens anerkannten Ausdruck verleihen. Dafür gibt es das vielgestaltige Angebot moralischer Autoritäten. Die beglaubigen mit dem Gewicht ihrer gesellschaftlich-politischen Stellung, dem Rang ihres persönlichen Ansehens und mit dem Charme ihrer Persönlichkeit, die sich alle drei aus ihrer schieren Macht und ihrem herausragenden Erfolg in irgendeiner Sparte des öffentlichen Lebens ableiten, die Gültigkeit der Sprachregelungen. So veran­kern sich die ideologischen Klischees fest im Assoziationsbestand des mündigen Bürgers und sorgen für ein allzeit konstruktives, auf der Höhe ‚der Zeit’ angesiedeltes, sprich den definierten Problemlagen und Hand­lungsbedürfnissen der Politik gemäßes Denken und Argumentieren. Umgekehrt dient der Ka­non der in Kraft befindlichen Sprachregelungen der Selbstvergewisserung von Leuten, die sich als mündige Mitglieder einer nationalen Gemeinschaft verstehen. Denen verschafft er die Sicherheit, mit ihrer jeweiligen Fasson eines moralischen Weltbildes richtig, d.h. im Spektrum des politisch ‚vernünftigen’ Denkens zu liegen. Wer sich auf alles einen mo­ralischen, d.h. auf allgemeingültige Werte bezogenen Reim macht, möchte damit auch durch eine allgemeine, d.h. öffentlich anerkannte Billigung dieses Urteils bestätigt werden. Der demokratische Un­tertan will sich in einer mo­ralischen Autorität wiedererkennen und sich von Zeit zu Zeit sagen können: ‚Endlich sagt es mal einer!’ Der Phänotyp einer moralischen Autorität Was zeichnet eine Galionsfigur der demokratischen Meinungs- bzw. Moralwirtschaft aus? Das weiß erst einmal jeder. Das sind Leute, die an legitime Regierungsbevollmächtigte die ausgefallene Anrede: „Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, treten Sie bitte zurück“ richten können, und die Post landet nicht in der Ablage mit dem Etikett ‚Verrückte’, sondern im Feuilleton. Am Inhalt des Schreibens kann das schon mal nicht liegen. Als moralische Autorität kommt nur in Frage, wer un­abhängig davon, was er zu sagen hat, etwas zu sagen hat, weil er gesellschaftlichen Erfolg hat und entsprechende (Macht-)Positionen innehat. Diesen prominenten und potenten Leuten ist der Respekt ‚normaler Menschen’ sicher, weil die Interpretation von Macht als Verantwortung, von Herrschaft als Fürsorgepflicht, von Führungsposten als Last, die ihren Trägern moralische Kompetenz abver­langt, längst zur selbst­verständlichen geistigen Grundausstattung eines funktionierenden Volkes ge­hört. Der Machthaber als Vorbild. Das ist dann die Mess­latte für den ganzen Artenreichtum mo­ralischer Autoritäten. Politiker sollen vertrauenswürdige, am Allgemeinwohl und seinem Sitten­kodex orientierte Führer sein. Unternehmer und ihre Geschäftsführer haben einer sozialverantwortli­chen Aufgabe als Arbeitgeber gerecht zu werden. Von Pro­minenten wird ganz allgemein der Beweis erwartet, dass die Elite aus einwandfrei guten Gründen eine ist. All diese Figuren stehen dafür ein, dass das bürgerliche Leben eine einzige Ansammlung von Normen und Werten, von Sitte und An­stand darstellt. Sie gelten als Kronzeugen dafür, dass die hierarchische Ordnung des Ladens letztlich in Ordnung geht. Um in diesem Sinne wahrgenommen zu werden und solche Botschaften erfolgreich ‚rüberzu­bringen’, müssen moralische Autoritäten zweierlei bewerkstelligen: Sie müssen einer angesagten Moral, einer, die ‚in die Zeit passt’, d.h. einen politischen Bedarf deckt, und die der freie Meinungs­bildner gerne bestätigt haben möchte, das Wort reden. Und sie müssen als Person diesem Schwindel Ehre machen, so dass man ihnen den gerne ab­nimmt. Keine ganz leichte Aufgabe: Ein Leben lang müssen die Charaktermasken der Moral sich öffentlich so in Szene setzen, dass beim Publikum ein stimmiges, also glaubwürdiges Bild von ihnen als von hohen Werten und Einsichten inspirierten Persönlichkeiten entsteht. Wer das schafft, wird für die Beglaubigung eines der konkurrierenden moralischen Selbstbilder der Gesellschaft in Anspruch genommen, wobei es keine Rolle mehr spielt, wenn er auf dem Metier, auf dem die jeweiligen höheren Gesichtspunkte angesiedelt sind, gar nicht zu Hause ist. Umgekehrt mischen sich solche Leute von sich aus furchtbar gerne in diesem Sinne ein. Politisch z.B. mit Sympathieerklärungen für einen zur Wahl stehenden Politiker – so etwa Grass für Willy Brandt und die Es-Pe-De –, dem sie mit ihrer Glaubwürdigkeit als aner­kannte Moralisten politische Glaubwürdigkeit als geeignete Führerperson bestätigen und verschaf­fen. Der Schöngeist als moralischer Leuchtturm „Warum macht die Öffentlichkeit ausgerechnet Schriftsteller so gern zu moralischen Autoritäten?“ (SZ, 19.8.) fragt sich eine Kulturredaktion etwas verdutzt, nachdem Grass in Verruf geraten ist. Dabei hat sie den Dichter nicht von ungefähr jahrzehntelang als solche präsentiert. Für den Nimbus hoher moralischer Kompetenz sind epische Dichtung produzierende Schöngeister besonders qualifi­ziert, weil sie ohnehin von Berufs wegen den Weltenlauf als Realisierung oder Verfehlung von hohen Werten hererzäh­len. Die Frage, inwieweit die Moral der Dichtung den mo­ralischen Nerv des Publikums trifft, entscheidet dann über die Karriere des Dichters zur Witzfigur des ‚armen Poe­ten’ oder zur moralischen Autorität eines ‚Großschriftstellers’. Mit seinem anti­faschistischen „Schreiben gegen das Vergessen“ ist Grass da immer richtig gelegen. Und er verstand es auch zeitlebens, seinen veröffentlichten Lebenswandel – aus dem er die SS-Episode wohlweislich heraushielt – in Übereinstimmung zu sei­nen moralischen Maßstäben zu hal­ten. Das verschaffte dem Mann Glaubwürdigkeit und ließ ihn zum großen Charakter werden: Der „Cheerleader der Gutmenschen“ (Stern, 17.8.) besitzt „die moralische Lufthoheit des ‚besseren Deutschland’“ (Welt, 14.8.) und vertritt bei Ge­legenheit sogar den Bundesadler als „Wappentier der Republik“ (Spiegel, 21.8.). Aber: Je größer die Ehre, desto höher die Fallhöhe eines kompromittierten Ehrenmannes. Grass’ Doppelbekenntnis, in der Waffen-SS gedient zu haben und dies dem Publi­kum ein ganzes Leben lang verschwiegen zu haben, wirkt wie eine Art „mo­ralischer Selbstmord“. Ärger und Missgunst machen sich breit, wenn sich herausstellt, dass der moralische Leuchtturm, an dem sich weite Bevölkerungskreise so gern orientiert und bestätigt haben, wo­möglich auf Sand gebaut ist. „Im Gutsein wollte Grass immer der Beste sein: bester Kriegserinnerer von allen. Nun führt er nur noch die Liste mit den breitesten Gräben zwischen Anspruch und Wirklichkeit an.“ Das legt nahe, „an der Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit und moralischen Legitimität von Redehäuptlingen wie Grass zu zweifeln, die jahrzehntelang anderen das Fehlen gerade dieser Qualitäten vorge­worfen haben.“ (Spiegel, 21.8.) Dieser Widerspruch bringt die Konkurrenz der moralischen Autoritäten auf Trab. Im Dutzend werden ihre Moral-Gutachten Grass betreffend durch alle Kanäle der Öffentlichkeit gejagt. Konser­vative Patrioten, die den lästigen Besserwisser noch nie leiden konnten, sehen mit seinem angegrif­fenen Status als moralische Autorität zugleich seine Moral diskreditiert und die ihre aufgewertet. Also bauschen sie den Skandal nach Kräften auf. Die Kanzlerin voller Häme: „Grass braucht sich über die öffentlichen Reaktionen nicht zu wundern.” Kulturstaatsminister Bernd Neumann macht die Demontage der moralischen Instanz offiziell: „Als moralische Instanz, als die er sich selbst immer sah, hat er Schaden genommen.“ Hitler-Historiker Joachim Fest, sonst auf distinguiertes Auftreten bedacht, diffamiert für Bild: „Ich würde von diesem Mann nicht einmal mehr einen Gebraucht­wagen kaufen.“ (Bild, 24.8.) Und die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, vollstreckt das vernichtende Urteil rückwirkend an Grass’ moralischem Wirken: „Sein Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt seine früheren Reden ad absurdum.“ Ist der gute Leumund erst einmal perdu, braucht man auf Gehässigkeiten betreffs der literarischen Potenz des Verstoßenen nicht lange zu warten: Sein jüngstes Werk – „ein gestelzter Schelmenroman“ (Spiegel, 21.8.), der „mit großem metaphorischen Tamtam“ (SZ, 19.8.) den „Dunst der Zwiebelsuppe“ (FAZ, 21.8.) verströmt. Auch die Plädoyers der Grass-Sympathisanten kommen ohne den leisesten Anflug eines sachlichen Arguments aus. Auch diese prominenten Vordenker verlassen sich in einer stupenden Gedankenleere darauf, dass ihre Beiträge zur Meinungsbil­dung schlicht deswegen etwas zählen, weil sie ihre Urheber sind. Sie werfen einfach ihre Glaubwürdigkeit für Grass’ Glaub­würdigkeit und die Integrität seines Standpunkts auf die Waag­schale. Vizekanzler Müntefering: „Das kann den Wert seines Gesamtwerks nicht schmälern.” Schriftstellerkollege John Irving verniedlicht den ganzen Eklat zu einem ‚shit storm’: „Für mich bleibt Grass ein Held. Er ist literarisch ein Vorbild und moralisch ein Kompass.” Auch der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano sieht keinen Anlass für seinen Kollegen, sich auch noch wegen seiner eigenen Vergangenheit zu schämen: „Für mich verliert er durch diese Öffnung nicht an mo­ralischer Glaubwürdigkeit.“ Selbst Volkes Stimme wird per Infratest zu so etwas wie einer mo­ralischen Autorität zusammengefasst: Immerhin – oder nach Ge­schmack: nur noch – 65 % „glauben“, dass Grass „eine Persönlichkeit ist, deren Wort in politischen und moralischen Fragen weiterhin Gewicht hat“ (Spiegel, 21.8.). Böse Worte, heiße Fehden. Aber sei’s drum. Ob Grass als ‚moralischer Kompass’ oder bloß als lite­rarisches Denkmal überlebt, ist nicht einmal für die moralische Lage der Nation wirklich wichtig. Das Angebot an solchen Figuren ist reichlich. Wichtig ist jedoch, dass mündige Bürger und aufge­klärte Demokraten geistige Orientierung an solchen Figuren suchen und des­wegen an so einem Streit Interesse zeigen. Die idiotische Frage, ob ein prominenter Schriftsteller aufgrund seines ehren- oder zweifelhaften Charakters und Verhaltens weiterhin die Lizenz zur Beglaubigung moralischer Weltbilder hat oder nicht, treibt allen Ernstes die Leute um. Die rege Anteilnahme der nationalen Autoritäten und ihres Publikums an diesem Sujet zeigt, wie sehr das idealistische Denken bei aufge­klärten Demokraten durchgesetzt ist und wie sehr es in einer demo­kratischen Öffentlichkeit auf diese Sorte Meinungsbildung ankommt. Schließlich werden in einer Demokratie über Glaubwürdig­keitsfragen nicht nur Schriftsteller zu Säulenheiligen der Moral gekürt oder vom Sockel gestoßen. Es werden darüber auch Sachthemen abgehandelt. So ist die Demontage von Grass’ moralischer Autorität auch ein – abschließender – Beitrag zur Entsorgung der durch den Wiederaufstieg Deutschlands zu einem respektierten Pol der Weltpolitik obsolet gewordenen Attitüde des Schämens und der Selbstanklage. Der immer schon mit viel Berechnung und Heuchelei verbundene Bedarf an einem frei herumlaufenden ‚schlechten Gewissen der Nation’ hat sich längst erübrigt. Von wahrlich entscheidender Bedeutung sind Glaubwürdigkeitsgesichtspunkte jedoch für die Regelung politischer Personalfragen. Mündige Demokraten wählen einen Politiker an die Schalthebel der Macht, wenn dieser glauben machen kann, dass er sie energisch und sachgerecht – was immer das sachlich be­deutet – handhaben wird. Wichtig ist das, weil die Zustimmung zur Ausübung der Macht ohne Reflex auf ihr inhaltliches Pro­gramm funktioniert. Das ständige Räsonieren über hohe Werte und die Glaubwürdigkeit ihrer öf­fentlichen Vertreter ist die Art und Weise, wie die Freiheit des Urteilens zielsicher zu einer Af­firmation von Herrschaft führt. www.sozialistischegruppe.de/hefte/2007/Grass.txt