„Humankapital” - das „Unwort des Jahres” 2004 „Unworte bereiten Untaten den Boden” (Ex-Bundespräsident Rau) - und das darf nicht sein in unserem Gemeinwesen. Zwar hat unser Ex-Bundespräsident da mit der Reihenfolge von Wort und Tat irgendwie was durcheinander gebracht, aber für die unabhängige Jury der „sprachkritischen Aktion” ist das seit 14 Jahren eine ganz vernünftige Arbeitsgrundlage, und so hat sie sich vorgenommen, das Böse aus unserem guten Lexikon auszusortieren und an den öffentlichen Pranger zu stellen - sie wählt das „Unwort des Jahres”: „Gesucht werden Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen.” (www.unwortdesjahres.org) Wer erinnert sich nicht mit Schrecken ans Jahr 1997, auf Platz 1 „Wohlstandsmüll”, die „Umschreibung arbeitsunwilliger wie arbeitsunfähiger Menschen”: Sozialhilfeempfänger als unnütze Kostgänger zu behandeln, ist zwar wahrscheinlich keine große Untat, aber sie am Ende auch noch als solche abfällig zu bezeichnen, das ist „grob unangemessen” und widerspricht der Menschenwürde. Und 1998, dem Ärztepräsidenten rutscht als Kommentar zu den gesundheitspolitischen Sparplänen der Regierung heraus, sie wolle wohl einem „sozialverträgliches Frühableben” (auch Platz 1) der alten Kranken das Wort reden- wo bleibt da bitte der gebotene sprachliche Anstand und damit die einzig angemessene Formulierung, dass bei uns alles ‚im Interesse der Patienten‘ reformiert wird? Im Kriegsjahr 1999 - von Haus aus eine harte Prüfung für die Sittlichkeit der Sprache - kreierten unsere NATO-Militärs, wenn mal was daneben ging, das Unwort „Kollateralschaden”! Die Bomben, die sie abwarfen, haben offenbar niemands Menschenwürde verletzt, die wurden ja im Dienste der Menschenrechte abgeworfen. Aber, spricht man - bitte schön - so leger über jugoslawische Bombenopfer, die - leider! - als notwendige Nebenwirkung des Kriegs gegen Milosevic einkalkuliert werden mussten? Als 2002 im Zuge der Hartz-Reformen die Arbeitsämter Arbeitslose dazu bringen sollten, sich mit den absurdesten Diensten selbst über Wasser zu halten, trat die Jury entschieden gegen die Unsitte an, „schwierige (!) soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden“ und kürte „Ich-AG“ zum Unwort. Wenn man die Leute schon praktisch zu selbständigen Lakaien und Taglöhnern herabstuft, dann haben sie dafür unser aller Respekt verdient und keine „Herabstufung von menschlichen Schicksalen auf ein sprachliches Börsenniveau“! * 2004 fiel die Wahl auf den Begriff „Humankapital“ mit folgender Begründung: „Der Gebrauch dieses Wortes aus der Wirtschaftssprache breitet sich zunehmend auch in nichtfachlichen Bereichen aus und fördert damit die primär ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge, wovon auch die aktuelle Politik beeinflusst wird. Humankapital degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen“ (www.unwortdesjahres.org) Gegen die Betrachtung und entsprechende Behandlung von Menschen als „Kapital“ haben die Sprachforscher gar nichts einzuwenden, in der Wirtschaft halten sie das für durchaus angemessen. Kritikwürdig finden sie es hingegen, wenn die in dem Begriff ausgedrückte „ökonomische Bewertung“ „primär“ und für alle „Lebensbezüge“ gilt. Eine merkwürdige Kritik: Wenn der Mensch in der Wirtschaft als „ökonomische Größe“ auf seine Kosten käme, wie sollte sich das in seinen Schaden verwandeln, wenn er dort in erster Linie und sonst auch noch so betrachtet wird? Den Sprachforschern ist offenbar bewusst, dass die Rolle als „ökonomisch interessante Größe“ für die davon Betroffenen einige Härten beinhaltet. Dagegen wollen sie sich aber gar nicht aussprechen, das halten sie für selbstverständlich und unumstößlich. Es fehlt ihnen nur etwas, was hinzutreten sollte: der Respekt vor einer höheren Wertigkeit des Individuums, das ein Recht darauf hat, neben seiner Existenz als „ökonomischer Größe“ einer wie auch immer gearteten Wertschätzung als ‚ganzer Mensch’ teilhaftig zu werden. Da kann der sich dann was drum kaufen. Die Provokation, auf die es die Linguisten abgesehen haben, funktioniert: Die Branche der Ökonomen heult auf und schlägt zurück: Sie lassen sich von niemanden in der Hochschätzung des Menschen übertreffen, schon gar nicht von Leuten, die außer billigem Humanitätsgedusel nichts zu bieten haben: Die Ausrufer des ‚Unworts’ seien wohl auf die Phrase „’bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt’ aus den Hochglanzbroschüren der Personalabteilungen“ abgefahren, vermutet Prof. Ch. Scholz von der Universität des Saarlandes, in der SZ vom 21.1.05. Der billigen ideellen setzt er die einzig wahre, weil wirkliche Wertschätzung entgegen, die der Ökonom dem Menschen erweist, wenn er ihn als „Humankapital“ nach seinem Wert schätzt: So werden „die Beschäftigten nicht nur (!) als Kostenfaktor, sondern zugleich als schützenswertes Kapital“ (Scholz, SZ) gesehen. Insofern der Mensch als Produktionsfaktor dem Unternehmer eine ordentliche Rendite abwirft, ist er doch wertvoll und wird keineswegs missachtet - wer wollte darin eine „Degradierung“ entdecken? Während die Sprachwissenschaftler bemängeln, dass der Mensch „nur“ als Diener an fremdem Eigentum wahrgenommen wird, kontern die Wirtschaftswissenschaftler, dass man a) überhaupt nichts Schöneres von ihm berichten und ihn in dieser Rolle gar nicht hoch genug schätzen kann, und b) solch berechnendes Interesse an ihm doch die einzig senkrechte, weil materielle Grundlage seiner Wertschätzung darstelle. Wirklich ein schöner Streit. www.sozialistischegruppe.de/hefte/2005/Unwort.txt