Mao-Hype “Stern” und “Spiegel” machen ihn fast zeitgleich zu ihrer Titelstory. Jetzt ist es nämlich rausgekommen: Mao war ein Bösewicht, ein “großer Verführer” und ein “großer Zerstörer”. Schlimmer als Hitler, schlimmer noch als Stalin. So als müsste man im Jahr 2005, fast dreißig Jahre nach Maos Ableben, eine rebellische Jugend, eine aufmüpfige Arbeiterklasse oder wen auch immer von ihrem revolutionären Idol abbringen, ergehen sich beide Blätter im besten Enthüllungsjournalismus. Als Mensch ein perverses, sexbesessenes Schwein, als Staatsmann ein machtgeiler Psychopath – so wird der “große Vorsitzende” demontiert. Als Kronzeugin fungiert wunderbarerweise eine ehemalige Rotgardistin und Tochter zweier revolutionärer Kader der ersten Stunde, die selbst aktiv an der Kulturrevolution teilgenommen hat. Sie hat sich eine knapp tausendseitige “fulminante” Abrechnung mit Mao von der Seele geschrieben, “der zuzutrauen ist, was Historiker seit Jahren vergebens versuchen: den Mao-Mythos ein für alle Mal zu zertrümmern”. Mit ihrem Mann, einem britischen Historiker, hat sie zwölf Jahre lang “hunderte Zeitzeugen befragt und Dutzende Archive besucht”, bis herausgekommen ist, was herauskommen sollte: “Auf über 70 Millionen schätzen Chang und Halliday die Zahl derjenigen, die der Tyrann erschießen, erschlagen oder verhungern ließ. Mao übertrifft damit Hitler und Stalin – die anderen großen Schlächter des 20. Jahrhunderts – bei weitem.” Ja nun, möchte man sagen. Das soll jetzt eine Entdeckung sein? Was soll man eigentlich finden, wenn man die Geschichte eines Mannes untersucht, der ein ziemlich riesiges Reich von Feinden befreit, geeint und zu einem funktionierenden Staat gemacht hat? Der sich dabei gegen äußere wie innere Feinde durchgesetzt und sein Werk anschließend erfolgreich verteidigt hat? Eroberung und Sicherung der Macht ist eine gewaltträchtige Angelegenheit, gleichgültig, für welches Programm sie eingesetzt wird, “Revolution” eben “kein Deckchensticken”, wie Mao selbst in dankenswerter Offenheit klargestellt hat. Dass Leichen seinen Weg pflastern, spricht für sich genommen in den Augen der Historikerzunft noch lange nicht gegen einen Staatsmann. Ganz im Gegenteil messen sie die Größe seiner Leistung gerne daran, gegen wie viele Feinde er sich behauptet, wie viel Territorium er zusammengeschachert, wie viel Volk er unter seinen Willen gezwungen hat. Wenn sie mit Respekt von historisch großen Figuren schwadronieren, die Weltreiche begründen, huldigen diese Typen insofern immer der Gewalt als Mittel der Durchsetzung. Und umgekehrt: Wenn sie die Gewalt eines Herrschers zum Gegenstand ihrer Kritik machen, dann entweder, weil der ausgebliebene Erfolg seines “Projekts” im Nachhinein die Sinnlosigkeit des Gewalteinsatzes beweist, der dann auch gerne “Terror” heißt. Siehe Hitler. Oder weil ihnen der Erfolg eben dieser Gewalt nicht in den Kram passt. Siehe Stalin. Insofern sind Abrechnungen mit verblichenen Staatsmännern immer auch eine Frage der politischen Konjunktur. Alles, was die ehemalige Mao-Anhängerin und heutige Feindin ans Tageslicht gebracht hat, könnte man gut und gerne genau umgekehrt als besondere Leistung würdigen. Als einfacher Bauernsohn zum Herrscher über das größte Volk der Welt aufsteigen – das könnte auch einem Historiker einiges an Ehrfurcht abnötigen. Und tatsächlich kam der chinesische Kommunisten-Führer bisher im Westen ja auch erheblich besser weg als seine russischen Kollegen. Warum, das spricht der “Spiegel” ganz offen aus: “Auch in den westlichen Industrieländern hat der Chinese Anerkennung gefunden, denn er brach mit der Sowjetunion und öffnete sein Land Anfang der siebziger Jahre sogar ein wenig zum Westen.” Dass das politische Interesse an einem Staat der Geschichtsschreibung über ihn die Feder führt, ist also kein Skandal, sondern offensichtlich eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit. Ganz in diesem Sinne wurde Mao bisher auch in der westlichen Geschichtsschreibung zugute gehalten, dass er China vom Zugriff der imperialistischen Mächte befreit und das vom Bürgerkrieg zerrissene Land geeint hat; dass China unter seiner Herrschaft, gemessen an seinen Voraussetzungen, einen enormen Aufstieg hingelegt hat, etc. Gegen dieses Bild wütet die Mao-Biographin jetzt an. ,Diesem Mann gebührt nicht der geringste Respekt’, will sie ihren Lesern einbläuen und Mao ein für alle Mal von “seinen hohen Sockeln” stoßen, wo er “als genialer Feldherr und weiser Staatsgründer” im heutigen China immer noch steht. Dafür fährt sie schlicht alles auf, was ihr irgendwie geeignet erscheint, um Mao als Menschen wie als Staatsmann zu desavouieren. Als erstes die “Hekatomben von Toten”, die Mao auf seinem Weg nach oben und als Führer der Volksrepublik produziert hat. Dabei verfahren die Autoren nach dem Prinzip, Mao jede einzelne Leiche höchstpersönlich anzulasten, als bewussten Mord sozusagen. Was Historiker ansonsten als faux frais von Herrschaft liebend gerne möglichst unpersönlich ausdrücken (“musste sich durchsetzen”, “in den Wirren des Bürgerkriegs”, “Hungertote fielen an”, “Grausamkeiten fanden statt” etc.), gilt hier nicht. Im “Fall Mao” soll sich jeder ausdrücklich den Mann selbst vorstellen, der seine Soldaten sehenden Auges in den sicheren Tod schickt, sein Volk bewusst und mit einem gewissen Hang zum Sadismus schindet, ein “Monster” eben. Ob Frau Chang und Herr Halliday nach diesem Muster auch George W. Bush anklagen für diejenigen, die draufgegangen sind, seit Amerika das Kommando in Bagdad übernommen hat? Oder für die Hunderttausend, die unter seiner Weltordnung tagtäglich verhungern? Wer so loslegt, will natürlich gar nicht erst wissen, wofür Mao all die Toten und Opfer gebraucht hat. Kein Gedanke daran, dass so etwas (nur) im Namen eines nationalen Befreiungs- und Aufstiegsprogramms zustande kommt, für das der KP-Vorsitzende seiner Partei und seinen Massen offensichtlich viel an Gefolgschaft und Opferbereitschaft abverlangen konnte. Diesen Zweck halten die Autoren offenbar für viel zu respektabel, als dass er ihnen als einigermaßen leichenträchtige Angelegenheit überhaupt in den Sinn kommt. Kein Versuch auch, zu erklären, was es mit solch merkwürdigen Massenkampagnen wie “Großer Sprung nach vorn” und “Kulturrevolution” auf sich gehabt hat, an denen sich Millionen Chinesen begeistert zu ihrem eigenen Schaden beteiligt haben. Stattdessen wird – man kennt es von Hitler und Stalin ja schon zur Genüge – mal wieder das Bild eines machtbesessenen Irren entworfen, dem es um sich, um sich und noch mal um sich gegangen ist. Ein Bauer, der sich an der Spitze einer Partei, eines Staates, am Ende der ganzen Welt sehen will – das musste schlecht enden, weil sich hier ein Mensch etwas rausgenommen hat, was ihm nicht zusteht. Ein ungehobelter Kommunist, der “keine Fremdsprachen” spricht und nicht über die Geographie der Sinai-Halbinsel Bescheid weiß, ist nun mal kein Führer und das “rückständige” China keine Weltmacht. Deshalb ist bei Mao schlicht “Wahnsinn”, was vom Standpunkt der Weltmächte, die sich durchgesetzt haben, selbstverständlicher Anspruch und schiere politische Vernunft ist. Ob die Autoren schon mal einen Gedanken darauf verschwendet haben, wie ein Land eigentlich ,zur Weltmacht aufsteigt’? Waren da nicht auch im Fall der USA ein paar ziemlich blutrünstige Weltkriege fällig? Und ist es nicht schlicht ihr einzigartiger Erfolg, der sie befähigt, sämtliche auf dem Weg dorthin angefallenen Leichen im Nachhinein ihren Gegnern zuzurechnen und sich selbst als noble Friedensstifter und Weltordner darzustellen? Nun wissen auch Chang/Halliday, dass in der bürgerlichen Welt Erfolg adelt. Neben (!) dem Vorwurf des “Massenmords” halten sie es in ihrer “spektakulären Biographie” deshalb für einen tollen Schlager, dem “großen Vorsitzenden” alles, was üblicherweise als seine Leistung gilt, abzusprechen. Ob beim “Langen Marsch”, beim Krieg gegen die japanischen Besatzer oder im Bürgerkrieg – bei keiner dieser Taten hat Mao ehrliche Verdienste erworben. Ein ums andere Mal enttarnen sie ihn als grandiosen Versager, der Fehler und Feigheit mit besonderer Perfidie und Hinterfotzigkeit kompensiert. Von Jugend an ein Faulenzer, zu dumm, um den Marxismus zu begreifen, kein anständiger Idealist, der für seine Ziele notfalls stirbt, hat er sich im Grunde durchs Leben getrickst. Mit Lügen und Verrat an den eigentlich Anständigen seiner Bewegung hat der “gefühlskalte Egomane”, den nicht einmal seine eigenen Truppen gemocht haben, Führungsposten und russische Unterstützung erschwindelt und in entscheidenden kritischen Momenten dann einfach Glück gehabt. Kein Wunder, dass die Mao-Forscher über all dem ein bisschen durchdrehen. Sie glauben ihren eigenen Urteilen, dass Mao einerseits an allem schuld, andererseits komplett unfähig war, so sehr, dass am Ende ein irgendwie schon wieder lustiges Potpourri an Quatsch und Widersprüchen rauskommt. Stalin erliegt einem Schlaganfall – schuld ist niemand anderes als Mao, der seinen russischen “Lehrmeister” mit seinen koreanischen Eskapaden aufgeregt hat. Die USA entwickeln die Bombe und setzen sie demonstrativ ein – wer ist der eigentliche atomare Bösewicht? Natürlich der chinesische “Diktator”, der sie in seinen Gedankenspielen auf imperialistische Widersacher abfeuert. Das “rote Buch” eine Geheimwaffe, mit der die chinesischen Massen indoktriniert werden? Unsinn! Mao hat schlicht ein Vermögen damit gemacht, indem er sein Volk gezwungen hat, seinen Schund zu kaufen. Usw. usf. Politpsychologisch hat man es bei den Autoren also mit einem Fall von negativem Fan-atismus zu tun. Hier sind Leute am Werk, die der (eigenen) ehemaligen Huldigung für Mao wie dem Gebrauch, den die heutige Regierung in Peking vom “Mythos Mao” macht, wissenschaftlich jede Berechtigung entziehen wollen. Sie stören sich nicht am Verhältnis von Führern und Untertanen; sie stören sich nicht an Opfern und Begeisterung, die ein Volk aufbringt. Aber Mao hat all das in ihren Augen nicht verdient ­– weil China etwas Besseres als Mao verdient hätte. Im Grunde ist ihr ganzes Buch ein einziges Zeugnis des Personenkults; eines Personenkults nämlich, den sie unbedingt in sein totales Gegenteil verkehren wollen. Dieses Anliegen mögen ehemalige Mao-Anhänger haben. “Stern” und “Spiegel” (“Frau Chang, hassen Sie Mao Ze-dong? Sind Sie davon besessen, mit ihm abzurechnen?”) haben es mit Sicherheit nicht. Trotzdem kommt ihnen diese Abrechnung “einer verzweifelten, zutiefst enttäuschten Liebhaberin” im Prinzip gerade recht, obwohl sie an der wissenschaftlichen Seriosität ein paar Zweifel anmelden. Denn erstens erfüllt eine solche Story ein sehr verbreitetes Unterhaltungsbedürfnis. Wichtigen Personen der Weltgeschichte unter den Rock gucken, sie in ihrer Größe, ihren “Abgründen”, aber auch in all ihrer banalen Menschlichkeit vorführen mit sexuellen Vorlieben und Verdauungsproblemen – das interessiert geübte Untertanen in der freien Welt. Zweitens erfreut ein antikommunistischer Totschläger in regelmäßigen Abständen das Gemüt, da kann der Kommunismus noch so tot sein. Seht her, solche Typen waren die kommunistischen Führer, angeblich gute Menschen und sozial gesonnen, in Wahrheit aber die aller-aller-schlimmsten. Und speziell die Deutschen müssen sich schon wieder ein Stückchen weniger für ihren Hitler schämen. Denn neben Stalin haben sie jetzt eine weitere Karte in der Hinterhand für eine (innerliche) Retourkutsche. Drittens aber passt es nicht nur der deutschen Öffentlichkeit gerade momentan sehr gut in den Kram, der aufstrebenden Macht China ein bisschen in die Parade zu fahren. Deshalb hat das Buch alle Chancen, sich langfristig in den Bestseller-Listen festzusetzen, egal wie durchgeknallt seine Schreiber sind. Im Falle Chinas hat man es nämlich damit zu tun, dass sich ein Staat mitten in der kapitalistischen Konkurrenz erfolgreich hocharbeitet, ohne dass er sich von seiner kommunistischen Vergangenheit überhaupt genügend distanziert. Stattdessen setzen seine heute regierenden Nachfolger den alten Mao frech als Kultfigur ein, mit dessen Verdiensten um die Nation sie ihr Volk betören und zu mehr Opferbereitschaft anhalten. Das stört deutsche Journalisten. Sie verlangen von der chinesischen Regierung eine ordentliche Vergangenheitsbewältigung. Sie wollen das Eingeständnis, dass die jüngere Vergangenheit des Landes keineswegs koscher war. Auf dem Feld der höchsten nationalen Werte und ihrer Repräsentanten wollen sie den Chinesen ans Bein pinkeln. Denn gerade sie als Deutsche wissen sehr gut, wie weh es Nationalisten tut, wenn man alte Führer ins Abseits stellen muss. Mit dem alten Mao wird also der Erfolgsanspruch des heutigen China in Zweifel gezogen und ein Stück diskreditiert. Auch und gerade weil sich die regierenden Politiker hier berechnend positiv auf diesen Erfolg beziehen, den sie ökonomisch und politisch für sich ausnutzen wollen, mahnt ihre mitdenkende Presse aufzupassen, mit wem sie sich da einlassen. (alle Zitate aus: Stern 39/2005: Mao Tse-tung. Der große Verführer; Spiegel 40/2005: Mao. Anatomie eines Massenmörders) Vorabdruck aus GegenStandpunkt 4-05 www.sozialistischegruppe.de/hefte/2005/Mao_Hype.txt