Das Stichwort „Subjektive Wahrheit“ Ein Mensch liest einen Dichter und sagt: „Der trifft's aber ganz genau.“ Ein anderer Mensch hört dies, ist vom Gegenteil überzeugt und fängt an, Einwände zu erheben. Der erste will auf seinen Lieblingsdichter nichts kommen lassen und verteidigt sich wie folgt: „Für mich gilt das, was dieser Dichter geschrieben hat. Mag sein, dass es für dich nicht gilt. Das ist aber egal. Es gibt viele Dichter, und darunter ist sicher einer, der dir gefällt. Meinen Dichter brauchst du ja nicht zu lesen. So verstehe ich überhaupt nicht, warum du an meinem Dichter herumnörgelst.“ Ein Fall, wie aus dem Leben gegriffen. Aber unser Mensch macht einen Fehler. Einen Fehler, der sich erkenntnistheoretisch des Ehrentitels „subjektive Wahrheit“ erfreut. Sein Fehler besteht darin, dass er nicht wahrhaben will, dass die Gültigkeit eines Gedankens ohne Ansehen der Person besteht oder nicht besteht. Ein erster Hinweis: Sonst wäre doch der andere gar nicht auf die Idee gekommen, einen Disput anzufangen. Und was bedenklich ist: Der Fehler macht ihm gar nichts aus, er will ihn gerne machen. Um mit dem ersten zu beginnen, dem Fehler, Die Objektivität des Gedankens zu leugnen. Jeder Gedanke - die Rede ist hier von denjenigen Gedanken, die überhaupt von allgemeinerem Interesse sind: von den Gedanken allgemeinen Inhalts, die in Form des Urteils gedacht werden - ist objektiv. Das ist kein Dogma, sondern die einfache Feststellung der Tatsache, dass die Verbindung eines Satzsubjekts mit einem Prädikat durch ein im Indikativ stehendes Zeitwort - sei es die Kopula „ist“, sei es ein das Prädikat bereits teilweise enthaltendes Verbum - nicht mehr und nicht weniger behauptet, als dass der genannte Zusammenhang der genannten Inhalte allgemein besteht. Am Beispiel von oben: Unser Mensch sagt etwas über den Dichter und dessen Ansichten, die er für treffend hält. Es sei noch ein beliebiger Satz aus einem beliebigen germanistischen Buch herausgegriffen: „Die Unsinnspoesie Balls, Arps und Huelsenbecks ist schließlich als rein spielerische Form nur der andere Ausdruck derselben Existenzlage, der zuvor der Berliner Expressionismus entsprungen war.“ Unabhängig davon, wer sich von der Wahrheit dieses Gedankens überzeugen lässt; unabhängig auch davon, ob der Autor in seinem tiefsten Innern selbst daran glaubt: Dieser Gedanke ist, durch den Modus des Indikativs, objektiv, d.h. die besagte „Unsinnspoesie“ und der „Ausdruck“ einer bestimmten „Existenzlage“ sind in diesem Satz durch das „ist“ als identische Inhalte gesetzt. Und nur darüber ist überhaupt die Rede; der Autor selbst (das muss jeder ehrliche Mensch zugeben) kommt in diesem Satz weder mit seinem Geschmack noch mit seinem Verstand, sondern überhaupt nicht vor. So ist es mit jedem Urteil. Das urteilende Subjekt kommt in seinem Urteil nicht vor, auch wenn es das noch so gerne hätte - es urteilt eben, das ist alles. Und wenn es über sich redet, so ist es eben der Gegenstand, über den es urteilt - auch da hat sein Urteil die Form der Allgemeinheit, und es geht es selbst nichts an, von wem es kommt. Umgekehrt hätten das viele gerne und leiten deshalb ihre Urteile mit „Ich empfinde es so …“, „Vielleicht könnte man es so sehen …“ und Ähnlichem ein. Das hilft aber nichts und rettet sie nicht vor der auf dem Fuße folgenden Objektivität. Nach solchen Einleitungsfloskeln folgt nämlich regelmäßig ein „dass“-Satz, der - ein Urteil enthält! Und dieses Urteil, um das es ja einzig geht, enthält wieder nichts vom Subjekt. So kommt es, dass jedermann, und sei er privat noch so bescheiden, kaum dass er einmal über etwas redet, Objektivität beansprucht, ob er nun will oder nicht. Die Objektivität der Wahrheit und ihrer Begründung Nun ist damit, dass man sich ein Urteil ausdenkt und als Feststellung verkündet, natürlich noch nicht verbürgt, dass es auch wahr ist. Behaupten kann jeder was. Hier hieße die Parole: Nachdenken! Im Nachdenken werden nicht nur Satzsubjekt und Prädikat, sondern deren verschiedene Bestimmungen miteinander ins Verhältnis gesetzt. In dieser Geistestätigkeit wird man sich darüber klar, welche Verhältnisse hier im einzelnen bestehen. Die Begründung eines Urteils erfolgt dann aufgrund des Wissens um die Beschaffenheit dieser Verhältnisse. Bei alledem kommt wiederum, wie man sieht, das denkende Subjekt weit und breit nicht vor, außer eben, insofern es denkt. Die Begründung ist - objektiv. Übrigens auch, wenn sie falsch ist. Dann ist sie objektiv falsch. Das Recht auf Einbildung Eigentümlicherweise will der eingangs vorgestellte Vertreter der „subjektiven Wahrheit“ den Weg des Nachdenkens gar nicht beschreiten. Dennoch bezeichnet er den Gedanken, den er über seinen Dichter oder sonst worüber denkt, als, wenn auch nur für ihn, so doch wahr und gültig - und zwar einzig und allein aufgrund der Tatsache, dass er ihn denkt und gut findet! Das Ansinnen, diesen Gedanken auf die Verstandesprobe zu stellen, weist er beinahe empört zurück. Denn seine Überzeugung ist, dass er ein Recht habe, eigene Anschauungen nicht nur spielerisch zu entwickeln, sondern für sich privat als allgemeine zu behaupten. Dieses Recht ist nun ein merkwürdiges Recht. Denn erstens gibt es ja keinen, der es unserem Menschen ernsthaft nehmen will. Einbilden darf sich jeder was. Zweitens aber, und das ist das noch viel Merkwürdigere, ist der Wille, sich dieses Rechts zu erfreuen, der Wille zu einem Widerspruch. Für gültig halten will er seine Ansicht schon, und dran glauben, dass es sich so verhält; aber die so erstrebte Gewissheit will nicht wissen, ob es so ist. Diesen wirklich harten Widerspruch muss ein Parteigänger der „subjektiven Wahrheit“ stets aufs neue reproduzieren. Und es ist eine Anstrengung, immer wieder seinen soeben geäußerten Gedanken, der mithin für jedermann zur Beurteilung freigegeben ist, mit dem Dunst des Privaten zu umhüllen, um so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Dass einer diese Anstrengung immer wieder auf sich nimmt, kommt höchstwahrscheinlich daher, dass er seine Gedanken liebgewonnen hat. Aber inwiefern kann man Gedanken eigentlich lieb gewinnen? Sie sind weder nett noch wohlgeformt. Einzig insofern kann man sie lieb gewinnen, als sie einem vertraut sind und eine vertraute Sicht der Dinge darstellen. Vertraut sein kann man freilich mit vielem. Auch mit dem größten Unsinn. Wen es schon nicht mehr stört, dass seine Gedankenwelt mit Unsinn durchwachsen sein könnte, der will mit seinem Verstand schon nichts mehr; der hat praktisch an sich die Tatsache nachvollzogen, dass in unserer Demokratie nach Kriterien des Verstandes hundertprozentig nichts langgeht. Man bekommt ja hierzulande sowohl in der Erziehung als auch im praktischen Leben ohne Pause und Unterlass beschieden, dass die eigenen Überlegungen nichts zählen - sofern sie nicht von vornherein als unterwürfige angekrochen kommen, mit den herrschenden Kriterien schwanzwedelnd und viele Vielleichts zwischen den Zähnen; und auch dann noch ist ihre freundliche Aufnahme fraglich. Das nun freilich an sich selbst zu exekutieren, ist noch ein eigener Schritt. Man beginnt seinen eigenen Verstand hinfort anders zu betrachten. Nicht mehr als das Mittel der eigenen praktischen Freiheit, sich erst einmal auszukennen in der merkwürdigen Welt, in der man lebt, um die begriffenen Lebensbedingungen entsprechend der Zuträglichkeit für einen selbst zu behandeln. Sondern, nachdem ihm Folgenlosigkeit aufgezwungen ist, als das Instrument einer Einsichtnahme in die Welt, die von vornherein folgenlos bleiben soll. Kurz, man betrachtet den Verstand nicht als Mittel, die Welt zu begreifen und zu verändern, sondern nur noch, um sie zu interpretieren. Dann kommt es natürlich nicht mehr darauf an, ob man sich beim Denken täuscht oder nicht. Sondern darauf, dass die Einsichtnahme in die Welt zu einem Selbstwert wird und als solche dem Subjekt etwas bringt. Das Subjekt will seine Einsicht genießen, wenn es sonst schon nichts von ihr hat. Der freie Geist verurteilt sich zur Existenz als Schöngeist. Insofern will derjenige, der solche subjektive Wahrheit schätzt, diese auch als Wahrheit über sich, das Subjekt, verstanden wissen. Indem er zwar etwas gesagt, aber nichts Objektives festgehalten haben will, lässt er den Gedanken nicht mehr nach der Seite seines Inhalts, sondern seines Urhebers interessant werden. „Die Ansichten, die ich über den Weltlauf und seine Prinzipien äußere, sind Ausdruck meiner Persönlichkeit“, ist hier die irrationale Überzeugung. Irrational ist sie, weil „Persönlichkeit“ hier gar keinen anderen Inhalt hat und auch dem Subjekt gar nicht anders zu Bewusstsein kommt als eben durch den Kreis seiner Ansichten, und dennoch Quelle und Maß derselben sein soll. Nichtsdestoweniger ist sie ganz und gar Überzeugung. Ihre ideale Überhöhung ist Wahrhaftigkeit: Das Subjekt sieht seinen Wert darin, dass es beim Urteilen sich selbst treu bleibt, und sonst niemandem. Der Lohn des Rechts auf Einbildung Was hat man also von seinem Recht auf subjektive Wahrheit? Erstens eine eingebildete Freiheit: die Freiheit, nach Laune urteilen zu dürfen. Und zweitens eine eingebildete Pflicht: die Bindung des Subjekts an die Aufgabe, durchgängig es selbst zu bleiben. Mehr ist es nicht. Seine subjektive Wahrheit hält man sich wie Ungebildetere einen Hund, nämlich nach dem Motto: Wir zwei verstehen uns. Der Vorteil ist natürlich, dass man sie immer dabei hat und auch kein Geld zahlen muss für Futter. Übrigens: Es ist immer noch der Verstand, den man sich so hält. Und es sind immer noch Urteile, die er produziert. Immer noch ist es an sich Wissen, was man da als Geschmacksfrage behandelt. PS: Sind jetzt wir, die marxistischen Verfasser dieses Artikels, Parteigänger der absoluten Wahrheit, wenn wir an der subjektiven kein gutes Haar lassen? - Also, eigentlich dürfte diese Frage jetzt nicht mehr kommen, wenn man den Artikel aufmerksam gelesen hat. Aber man weiß ja nie. Daher hier die klare Antwort: Nein! Die „absolute Wahrheit“ ist das passende idiotische Gegenbild zur „subjektiven“, nämlich die Vorstellung einer unabhängig vom menschlichen Verstand festgelegten und bestehenden Wahrheit, und somit Sache des Papstes. Und warum ausgerechnet der mitten in der freiheitlichen Demokratie so viel gilt, das soll sich jetzt jeder selber überlegen. www.sozialistischegruppe.de/hefte/2004/SubjektiveWahrheit.txt