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FREIHEIT DER WISSENSCHAFT
Prof. Dr. August Dauses, Dozent der Romanistik an
der Universität Erlangen-Nürnberg, hat eine
revolutionäre Entdeckung gemacht: „Grammatik
ist Pleonasmus!“ Als wesentliches Merkmal der
Sprache hat er herausgefunden, dass sie nicht seinem
Ideal von ihr entspricht. Dieses Urteil mag zwar etwas
zirkulär erscheinen, hält Dauses aber nicht
davon ab, es als Widerlegung der ganzen
herkömmlichen Linguistik zu betrachten.
Die Theorie hat die Linguistik nicht revolutioniert.
Sie hat nicht dazu geführt, dass seine Kollegen
auf der ganzen Welt im Lichte dieser bahnbrechenden
Entdeckung die Verbreitung der überkommenen
Theorien für immer eingestellt hätten, weil
sie sich als wissenschaftlich nicht haltbar erwiesen
haben. Uns ist noch nicht mal ein wissenschaftlicher
Streit bekannt, in dem die Richtigkeit der Entdeckung
diskutiert worden wäre. Es hat sich auch niemand
bemüßigt gesehen, Dauses‚ Analyse
zurückzuweisen, indem er ihr Fehler nachgewiesen
hätte.Möglicherweise ist diese Erwähnung
von Dauses‚ wissenschaftlichen Erkenntnissen
sogar die einzige, die er nicht selbst geschrieben
hat.
Einem wissensdurstigen Studenten, der immer geglaubt
hat, es gehe an einer Universität darum, richtiges
Wissen über die jeweiligen
Forschungsgegenstände zu erarbeiten und zu
verbreiten, mag das vielleicht merkwürdig
vorgekommen. Die universitäre Elite sieht hingegen
überhaupt kein Problem darin, dass
„Wissen“ in den Geisteswissenschaften ein
Wust von sich gegenseitig widersprechenden
„Ansätzen“ ist, der beständig
erweitert wird. ‚‘ ist ein Fremdwort in den
Geisteswissenschaften, das im Zusammenhang mit
‚Theorie‘ als völlig inkompatibel
gilt. Dass es unmöglich ist, etwas zustande zu
bringen, was das Attribut ‚richtig‘
verdient hätte, pflegen Geisteswissenschaftler
ihrem Gegenstand zuzuschreiben: Der heißt dann
‚komplex‘ und hat die unheimliche
Eigenschaft, je nach Blickwinkel etwas ganz anderes zu
sein als was er für den Nachbarn ist. Angenommen,
dieser Unsinn träfe zu, so sind zwei
Schlussfolgerungen fällig:
Aus der Diagnose, einen Gegenstand vor sich zu
haben, über den nichts Objektives herauszufinden
ist, folgt erstens die Abschaffung dieser Wissenschaft,
die sich ja genau dieses zum Anliegen macht, wenn sie
den Namen verdient. Zweitens gibt die
Wissenschaftlergemeinde damit ein Plädoyer
für ihre eigene Entlassung als Wissenschaftler ab.
Sie ist unfähig, richtige Aussagen über den
Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigt, zu
machen und traktiert Studenten mit Theorien, die sie
selbst nicht für richtige Erklärungen
hält. (Diese zweite Schlussfolgerung ist sogar
unabhängig davon, ob die referierte Diagnose
richtig oder falsch ist.)
So gibt die universitäre Elite selbst zu
Protokoll: Wenn jemand etwas über die Gesellschaft
wissen will, ist er an der Universität am falschen
Ort!
In Wirklichkeit haben sich Geisteswissenschaftler
längst daran gewöhnt, dass es auf den
Wahrheitsgehalt ihrer Theorien, d.h. auf
„Wissen“ im eigentlichen Wortsinn,
überhaupt nicht ankommt. Wer von ihnen findet
etwas daran kritisierenswert, dass der Geltungsbereich
seiner Theorie genau an den Grenzen seiner Lehrbefugnis
endet und darüber hinaus nur als
„Anregung“ verstanden werden kann? Dass die
Brauchbarkeit seiner Erkenntnisse über die
Selektion von Studenten in seinen Prüfungen hinaus
eine reine Geschmacksfrage ist? Bei Dauses muss jeder
Student wissen, dass Grammatik Pleonasmus ist. Und bei
allen anderen Prüfern gelten Dauses‚
Erkenntnisse nicht als Einwand gegen die von ihnen
favorisierten Theorien. Manche Prüfer offenbaren
die Gleichgültigkeit gegenüber der
Richtigkeit einer Erklärung damit, dass man sich
den „Ansatz“ raussuchen kann, der einem
gefällt, solange man seinen selbst gewählten
Standpunkt „plausibel“ darlegen und die
fehlende Objektivität durch eine Mischung aus
Belesenheit und den Schein der Überparteilichkeit
ersetzen kann.
Das durch die Freiheit der Wissenschaften erlassene
Verbot, fremde Gedanken auf deren Stimmigkeit zu
prüfen, findet seine adäquate Ergänzung
in der Bescheidenheit der Wissenschaftler, zum
Gegenstand einen bloßen Aspekt beisteuern zu
wollen, verbunden mit dem Dogmatismus, dieselbe
Bescheidenheit gefälligst auch von allen Kollegen
erwarten zu dürfen. Statt falsche Gedanken zu
kritisieren, wird den Theorien wechselseitig der Mangel
zugeschrieben, jeweils den Aspekt der anderen
vernachlässigt zu haben. Die Gedanken, die im
Ausbildungsbetrieb verbindlich sind, sind das also
nicht wegen ihrer Entsprechung zur Objektivität.
Geltung erhält ein Gedanke vielmehr durch die
Autorität des Amtes, die, einmal erlangt, nicht
mehr davon abhängig ist, wie verrückt die
Theorien sind, die der Amtsinhaber sich ausdenkt. Die
Gültigkeit der Lehrmeinungen ist einer durch Recht
und Gesetz erlassenen Befugnis, also nichts anderem als
staatlicher Gewalt, zu verdanken.
Dementsprechend sieht das Verhältnis der
Theorie zur gesellschaftlichen Praxis aus: Ein Brei von
widersprüchlichen, gleichgültig nebeneinander
existierenden Gedanken kann nie und nimmer das Handeln
bestimmen. Das Gegenteil ist der Fall: Theorien
bestimmen nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit,
sondern richten sich nach ihr. Der einzige Nutzen, der
beim freien Forschen und Lehren in den
Geisteswissenschaften herauskommt, ist ein Angebot an
Rechtfertigungen für Vorgänge der
Gesellschaft, die aus ganz anderen Gründen
stattfinden als deshalb, weil die universitäre
Elite sich auf der Basis gesicherter Erkenntnis auf
eine Empfehlung geeinigt hätte. Es handelt sich
also um die Rechtfertigung der von Staat gewaltsam
eingerichteten Verhältnisse, auf die sich jeder
Wissenschaftler seinen im Pluralismus eingebetteten
Reim machen darf, kann und soll...
Wer gegen diesen Universitätsbetrieb, der
konstruktives Denken mit Wissenschaft, gut gemeinte
Verbesserungsvorschläge mit Kritik und die
Verpflichtung darauf mit Ausbildung verwechselt,
Argumente lesen will, die sich der
Überprüfung auf Wahrheit gewachsen sehen, dem
sei ein Besuch bei uns empfohlen: SG Kontakt
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