Die BILD-Zeitung genießt bei Bildungsbürgern nach wie vor einen schlechten Ruf: Schon an den großen Buchstaben erkennen sie, dass es sich bei der auflagenstärksten Tageszeitung Deutschlands um keine seriöse Berichterstattung handeln könne. Mit dem Vorwurf, mit ihrer oberflächlichen Skandalisierung und einseitigen Zuspitzung von Ereignissen aus Politik, Sport, Kultur und dem Privatleben der Reichen und Schönen, aber auch ganz normaler Leute würde die BILD-Zeitung niedere Instinkte in ihrer Leserschaft wecken und sie zu einer dumpfen, unkritischen, politikverdrossenen Haltung verführen, ersparen sich die Kritiker allerdings ein Urteil über das, was die BILD-Zeitung für mitteilenswert hält und womit sie ihre Leser unterhält. Denn mehr als das eigene Vorurteil, dass man diese Ereignisse differenzierter zu betrachten habe, enthält der Vorwurf an die Art der Berichterstattung der BILD-Zeitung der Sache nach nicht.
Die Warnung vor einer Manipulation durch die BILD-Zeitung ist darüber hinaus wenig haltbar. Mit dieser kann es nämlich nicht so weit her sein, wie die Warnenden selbst belegen: Offensichtlich können sie sich den „Verführungskünsten“ der BILD-Zeitung entziehen.
Des Weiteren zeugt der Vorwurf, die BILD-Zeitung würde sich an die „niederen Instinkte“ ihrer Leserschaft adressieren, von einer gediegenen Verachtung des „einfachen“ Volkes. Wieso soll im Falle der Empörung von BILD-Lesern über „Sozialschmarotzer“, „Nieten in Nadelstreifen“ oder „Kinderschänder“ und deren Forderung nach „hartem Vorgehen“ auf einmal schlecht sein, was ansonsten als wertvolle Eigenschaft eines Mitglieds unserer Gesellschaft gilt, dass er nämlich über Ehrgefühl, Gerechtigkeitsempfinden und einen Sinn für Anstand verfügt? Bloß weil man die Form nicht teilt und für übertrieben hält, in der sich die moralische Weltanschauung äußert?
Völlig verpasst wird dabei, was die wirkliche Leistung der Boulevardpresse ist, wenn sie ihre Leserschaft über kleine und große Skandale aus der Welt der Politik, der Wirtschaft, des Sports und der Prominenz, aber auch über bewegende Schicksale, Nöte und Erfolge von ganz gewöhnlichen Mitbürgern informiert und dabei in Bild und Sprache auf die Erregung des Gefühlshaushalts ihrer Leser abzielt: Die werden nämlich über ihre private Anteilnahme an allem und jedem sittlich vergemeinschaftet und zum im moralischen Gefühl vereinten Volk formiert.
Im Übrigen wird diese Leistung auch von den „seriösen“ Medien für unbedingt anerkennenswert und wichtig gehalten: Ohne „Infotainment“ und die obligatorischen Crime- und Celebrity-Meldungen zur Erbauung des moralischen Gemüts wollen auch die großen Tageszeitungen FAZ und Süddeutsche sowie die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in vielen ihrer Nachrichtensendungen schon lange nicht mehr auskommen.
In unserer Diskussionsveranstaltung wollen wir anhand von Artikeln aus der Boulevardpresse, insbesondere der BILD-Zeitung, diese volksbildnerische Leistung aufzeigen und kritisieren.
Wer die Artikel, die besprochen werden sollen, vorab lesen will, wendet sich per Mail an uns!
